Allen geht es um das Geld
Die Bayreuther Festspiele eröffnen mit einem Triumph für Dirigent Christian Thielemann und Adrianne Pieczonka, die Senta in Wagners "Der Fliegende Holländer".

Foto © BAYREUTHER FESTSPIELE/ENRICO NAWRATH Einspringer Samuel Youn als Holländer und Adrianne Pieczonka als Senta
Viel Schlimmeres kann kaum passieren, als dass einem Ensemble drei Tage vor der Premiere der Held abhandenkommt. Viel Besseres kann nicht geschehen, als ein Triumph vor solch düsterem Hintergrund.
Evgeny Nikitin fehlt, gewiss. Der Russe musste gehen, weil er sich in der Jugend ein Hakenkreuz auf die Brust tätowieren ließ. Einspringer Samuel Youn singt die Rolle makellos und kraftvoll. Den dämonischen Zug im "Fliegenden Holländer" aber hätte Nikitin wohl besser verkörpert als der junge Koreaner.
Für ein Fest blieb wahrlich genug. Vor allem Christian Thielemann. Der gefeierte Wagner-Dirigent entlockt dem Jugendwerk eine ungewöhnlich breite Palette von Nuancen, Gefühlsschattierungen und Stilen. Thielemann arbeitet heraus, welche Musiker den dreißigjährigen Wagner beeinflusst haben, wie er sich deren Stile anverwandelte und welche Vorgriffe auf spätere Werke schon hier zu hören sind. Dass er aus all den herrlichen Details noch einen packenden Opernabend gestaltet, zeigt die Könnerschaft dieses Dirigenten.
Ohne Adrianne Pieczonkas Gestaltungskunst aber wäre vieles davon ungehört geblieben. Die Kanadierin singt die Senta mädchenhaft zart, wenn es die Noten nahelegen, heldisch, wenn es die Situation verlangt.
Im Job verkümmert
Jan Philipp Gloger wollte seine Regie auf den Holländer konzentrieren, einen rastlosen Geldverdiener, der im Job zum Gespenst verkümmert ist. Pieczonkas Dominanz und der Ausfall Nikitins verschieben die Gewichte zugunsten Sentas.
Allen geht es ums Geld. Daland, Sentas Vater, gibt die Tochter um Gold dem unbekannten Seemann zur Frau. Erik, Sentas Jugendfreund, klagt, dass er keines hat. Der Holländer wiederum, dessen Schiff voller Schätze ist, will dem Mammon nicht mehr dienen, was bei Wagner gleich in Erlösung ausarten muss. Dazu braucht er die reine Liebe einer Frau, die das Zahlungsmittel verachtet wie er.
Senta ist diese Frau. Sie will nicht mit den anderen spinnen, oder, wie bei Gloger, am Fließband Ventilatoren verpacken. Sie macht aus den Schachteln lieber Kunst, bastelt an Schiff und Figur des Holländers. Das ist nicht neu und etwas patschert inszeniert. Die Grundidee aber passt zu Wagners Kapitalismuskritik und zum Text.
Gloger treibt's aber zu weit. Wagner lässt die Schatten der verklärten Erlösten nach Sentas Opfertod auf dem Meer erscheinen. Bei Gloger wird aus den Liebenden eine Statuette, die sich zu Geld machen lässt. Der Kapitalismus überlebt die Tragödie derer, die ihn überwinden wollten. Klug gedacht, aber doch arg banal zu Wagners Erlösungsmusik. Dass Gloger davor wunderbare Szenen gelingen, die Witz und Ironie ans Licht bringen, rettete ihn nicht vor Buh-Orkanen.
Flackernde Datenflüsse
Christof Hetzer konstruierte ein riesiges schwarzes Gerüst, das auf schwarzem Grund flackernde Datenflüsse zeigt, ein bedrohliches neues Bild für Wagners flirrende Musik. Ein plausibles Gesamtkonzept für die pausenlos gespielte Oper gelang ihm damit so wenig wie Gloger.
In Erinnerung bleibt die helle, lyrische Tenorstimme Benjamin Bruns, eine Luxusbesetzung für den Steuermann. Franz-Josef Selig als schwergewichtiger Handelsmann Daland und Michael König als Erik als biederer Jugendfreund Sentas fügen sich nahtlos in ein exzellentes Festspielensemble.











