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Zuletzt aktualisiert: 28.05.2012 um 22:01 UhrKommentare

Faszinierende musikalische Archäologie

Cleopatras Palast suchen Unterwasserarchäologen im Hafenbecken von Alexandria. Auf die Spuren der ägyptischen Königin in der Musik hefteten sich die Pfingstfestspiele in Salzburg.

Auf die Spuren der ägyptischen Königin Cleopatra in der Musik hefteten sich die Pfingstfestspiele in Salzburg

Foto © KKAuf die Spuren der ägyptischen Königin Cleopatra in der Musik hefteten sich die Pfingstfestspiele in Salzburg

Keine ägyptische Herrscherin hat die Nachwelt so nachhaltig in ihren Bann geschlagen wie Cleopatra, die Geliebte von Julius Caesar und Marcus Antonius, die sich 30 v. Chr. mit 39 Jahren durch einen Schlangenbiss ins Jenseits befördern ließ.

Das Bild, das man sich in der Neuzeit von ihr machte, prägte maßgeblich William Shakespeares 1623 veröffentlichtes Drama "Antony and Cleopatra". Bei den um die legendäre Königin kreisenden Salzburger Pfingstfestspielen stand es in einer vom kürzlich verstorbenen Dramaturgen Wolfgang Wiens eingerichteten Fassung für vier Sprecher in einer Leseaufführung auf dem Programm. Mit Sunnyi Melles als überragender, kühl kalkulierender und herrlich exaltierter Cleopatra und Sven-Eric Bechtolf, dem neuen Schauspielchef der Salzburger Festspiele, als kantigem Antony, dessen Pathos Jens Harzer in diversen Rollen mit betontem Understatement konterkarierte.

An die 80 Opern über Cleopatra kennt die Musikgeschichte. Fünf barocke Versionen stellte Cecilia Bartoli, die künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele, in ihrem Soloabend vor. Wie schon bei der Premiere von Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto", aus der sie nochmals vier Arien der Cleopatra sang, begleitete sie das Ensemble "Il Giardino Armonico" unter Giovanni Antoni, der mit einem Solo an seine Anfänge als Flötist erinnerte, mit stilkundiger Flexibilität.

Zwei venezianischen Beispielen - Daniele da Castrovillaris "La Cleopatra" von 1662 und Antonio Sartoris "Giulio Cesare in Egitto" von 1676 - stellte sie die Vertonungen durch zwei deutsche Komponisten gegenüber: Johann Adolf Hasses "Marc'Antonio e Cleopatra" von 1725 und Carl Heinrich Grauns "Cesare e Cleopatra" von 1742. Durchwegs interessante, keineswegs als Durchschnittsware einzustufende Ausgrabungen, die natürlich durch die stupende Kehlkopfakrobatik und die zwingende Vortragsintensität von Cecilia Bartoli erheblich gewannen.

Verführung eines Helden

Der Romantik widmete sich Sir John Eliot Gardiner: Energisch zeichnete er mit dem exzellenten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die wuchtigen f-Moll-Klangblöcke von Robert Schumans Ouvertüre zu Shakespeares "Julius Caesar". Mit fulminanter Ausdruckskraft und dramatischem Aplomb gestaltete Vesselina Kasarova die lyrische Szene "La Mort de Cléopâtre" von Hector Berlioz, die sie Ende Oktober auch beim Musikverein für Steiermark singen wird. Der Tenor Piotr Beczala und der Herrenchor des Bayerischen Rundfunks brillierten mit der Kantate "Rinaldo" von Johannes Brahms als anderem Beispiel für die Verführung eines Helden.

Die Beziehung zu Marcus Antonius behandelt Jules Massenets letzte, 1912 kurz vor seinem Tod vollendete und erst posthum 1914 in Monte Carlo uraufgeführte Oper "Cléopâtre". Ein derart selten zu hörendes Werk, das den Sinnesrausch des Fin de Siècle in Richtung Impressionismus und frühe Moderne vorantreibt, gekürzt zu präsentieren, obwohl es ohnehin nur eine Spieldauer von zwei Stunden aufweist, war allerdings eine bedauerliche Fehlentscheidung des Dirigenten. Vladimir Fedoseyev gelang es am Pult des Mozarteumorchesters Salzburg auch nicht, die beiden musikalischen Sphären, mit denen Massenet Rom und Ägypten charakterisiert, deutlich voneinander abzuheben: Auch in den Szenen schwüler Sinnlichkeit verlieh er den Rhythmen martialische Strenge.

Zu begeistern vermochte allerdings die vom Salzburger Bachchor wacker unterstützte französische Sängerelite. Die Mezzosopranistin Sophie Koch verband als Titelheldin Verführungskraft mit majestätischer Größe, Sandrine Piau war ihr als Octavie eine stimmlich ebenbürtige Rivalin. Schwärmerischen Tenorglanz verbreitete Benjamin Bernheim als Spakos und den Marc-Antoine stattete Ludovic Tézier mit baritonaler Pracht aus.

Massenets "Cléopâtre" im Radio: Samstag, 9. Juni, 19.30 Uhr, Ö 1.

ERNST NAREDI-RAINER

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