Magisches Treffen im Laub der Zeit
Peter Handkes "Immer noch Sturm" geriet bei der Uraufführung zum großen Theaterabend. Nicht leicht konsumierbare viereinviertel Stunden im Sog unverkennbarer Sprache.

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Kurz nach dem Auftreten von "Ich", der Hauptperson in Peter Handkes jüngstem Theatertext "Immer noch Sturm", beginnen Blätter auf die leere Bühne zu fallen. Erst kurz vor Ende von Dimiter Gotscheffs Erst-Inszenierung stoppt der große Laubfall. "Ich" ist erneut allein. Physisch zumindest. Aber das Publikum weiß, dass in ihm seine Großeltern, seine Mutter, seine drei Brüder und seine Schwester ihr Wesen treiben. Den Nachgeborenen belasten, ihn aber auch beleben.
Rund vier Stunden hat man Gelegenheit, sieben Personen und ihren Autor zu beobachten, wie sie einander suchen. Vor allem: ihnen bei dieser Suche zuzuhören. Denn Handkes bereits im Vorjahr in Buchform erschienener Text ist zunächst ein Sprachereignis. Sprache ist nicht nur Mittel, sie ist Mittelpunkt. Die Entscheidung des Regisseurs, auf theatralischen Firlefanz weitgehend zu verzichten, ist deshalb so klug wie nahezu zwangsläufig.
Handkes magische Familienaufstellung ist wesentlich von sprachlichem Zwiespalt geprägt. Eine Problematik, die nicht neu ist im Werk des österreichischen Dichters slowenischer und "reichsdeutscher" Herkunft.
In "Immer noch Sturm", seinem auch nach eigener Aussage bisher persönlichsten Werk, wird dieses Dilemma auf vielen Ebenen mit unterschiedlichsten Stimmen be-, vielleicht auch verarbeitet.
Widerstand
"Immer noch Sturm" (der Titel ist eine Anweisung aus Shakespeares "König Lear") ist eine Art poetische Summe von Handkes Erforschung seiner eigenen "Sippe". Wie fast immer, geht es darüber hinaus um eine engagierte Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, die über das Private hinausgeht. So erfährt man viel über den Widerstand slowenischer Partisanen gegen das Terrorregime der Nazis. Über die kurze Wertschätzung dieses Widerstands. Über die mehr als miese Behandlung der slowenischen Minderheit nach 1945.
Das alles auf die Bühne zu bringen, ist kein leichtes Unterfangen. Aber Gotscheff und seinem famosen Ensemble gelingt eine Produktion, die sofort in ihren Bann zieht. Obwohl, wie gesagt, Theatertricks sehr sparsam eingesetzt werden. Als Vorbeugung möglicher Ermüdung.
Einziger Aufwand ist die von Katrin Brack ersonnene Blätterbeschneiungsmaschine. Ansonsten: ein Hocker, ein Melkschemel, ein paar Kleidungsstücke, ein Bündel als Baby. Und es gibt Schauspielerinnen und Schauspieler. Allen voran Jens Harzer als "Ich". Der 39-jährige Wiesbadener, seit 2000 mehrmals Gast in Salzburg (zuletzt 2008 als Raskolnikow in Andrea Breths Version von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe"), entwickelt eine starke Ausstrahlung, hat man sich an Stimme und Sprache gewöhnt. Sein gewaltiger Schlussmonolog ist eine Tour de Force, inspiriert und kontrolliert.
Starke und verwundbare Frauen sind Oda Thormeyer, Bibiana Beglau und Gabriela Maria Schmeide. Wie sie kommen Tilo Werner, Hans Löw, Heiko Raulin und Matthias Leja ebenfalls aus dem Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, das die Handke-Uraufführung mit den Festspielen koproduziert.
Subtil die musikalische Begleitung durch Sandy Lopicic und Matthias Loibner.
Handzeichen
Der Lohn für die spürbar intensive Arbeit: heftiger Applaus für alle Beteiligten. Nicht zuletzt für Peter Handke, der sich sogar auf die Bühne locken ließ, Beteiligte streichelte und umarmte. An das Publikum wandte sich der Autor fast verlegen. Gab, was die Figuren des Stücks des Öfteren geben: "Handzeichen, mit denen wir einander noch zuwinken". Wie es im letzten Satz des gedruckten Textes hoffnungsvoll heißt.











