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Zuletzt aktualisiert: 06.08.2011 um 23:11 UhrKommentare

Anna Netrebko: "Wir müssen mehr in uns hineinhören"

Opernstar Anna Netrebko über sich, ihre großen Kollegen, über ihre Wünsche und über ihr Verhältnis zum Glauben.

Anna Netrebko

Foto © APAAnna Netrebko

Nach der umjubelten Gala in der Wiener Stadthalle (mit Erwin Schrott und Jonas Kaufmann) steht Anna Netrebko nun wieder in Salzburg im Mittelpunkt.

Wie ist es heute, Anna Netrebko zu sein?

ANNA NETREBKO: Es ist natürlich wunderbar, berühmt und bekannt zu sein. Das ist es ja, wovon viele Leute träumen. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Meine schwierigsten Momente sind, wenn ich etwas absagen muss. Wann immer das sein muss, soll jeder wissen, dass es wirklich schwerwiegende Gründe gibt.

Sie werden als "Diva" bezeichnet. Fühlen Sie sich als solche?

NETREBKO: Die Menschen scheinen dieses Wort zu mögen. Es beinhaltet einen Hauch von Glamour, Stärke, Stolz, Eitelkeit. Wenn "Diva" also bedeutet, dass ich stark, professionell und erfolgreich bin, dass ich Glamour habe, wenn es nicht mit schlechten Manieren in Verbindung gebracht wird, ist es in Ordnung.

Sie sind auch für Spontaneität bekannt. Selbst erlebt: Nach einem Charity-Event am Wallersee haben Sie einmal Ihre Schuhe in die Ecke geworfen und barfuß auf einem Tisch getanzt.

NETREBKO: Das ist mein Temperament. Ich bin Russin, und russische Menschen lieben es, mit Freunden zu feiern und zu tanzen.

Erwin Schrott und Sie gelten als tolles Paar. Glauben Sie, dass Sie füreinander bestimmt waren?

NETREBKO: Wir lieben einander jedenfalls sehr. Wir sind starke, verschiedene Persönlichkeiten, aber es läuft sehr gut mit uns.

Ihr spektakulärster Erfolg bei den Salzburger Festspielen war "La Traviata". Jüngst sollen Sie gesagt haben, dass Sie die "Traviata" nicht mehr hören können.

NETREBKO: Was ich meinte, ist, dass man nicht ewig dasselbe Repertoire singen kann. Wenn man das dauernd macht, berührt es einen ja nicht mehr. Aber das heißt nicht, dass ich nie mehr in "La Traviata" auftreten werde, in nächster Zukunft werde ich wieder einige Vorstellungen singen.

Was bedeutet Ihnen Musik?

NETREBKO: Musik ist das alles Überstrahlende auf dieser Welt. Unsereiner ist nur Diener.

Gibt es Musik, die Sie spontan zum Weinen bringen kann?

NETREBKO: In Salzburg singe ich dieser Tage Tschaikowskis "Iolanta". Als ich diese Rolle einst einstudierte, musste ich andauernd meine Tränen zurückhalten.

Welche Musik hören Sie zu Hause?

NETREBKO: Keine. Zu Hause mag ich nichts hören. Sie verstehen das sicher: Wenn man tagsüber sechs bis acht Stunden probt, braucht man eine Pause. Aber ich gehe gerne in Opern und Konzerte, besonders in Salzburg. Danke, Festspiele, dass ihr mich immer mit Tickets versorgt.

Können Sie auch mit Popmusik etwas anfangen?

NETREBKO: Ich würde gerne ein Konzert von Lady Gaga oder U 2 besuchen. Aber ich komm' nie dazu.

Wenn Sie mich zu sich einladen würden, was gäbe es zu essen?

NETREBKO: Russischen Salat, Borschtsch, Blini mit Fleisch- und Zwiebelfüllung und Sauerrahm drüber.

Erwin Schrott hat jüngst eine Tango-CD veröffentlicht. Tanzen Sie manchmal Tango mit ihm?

NETREBKO: Er will ihn mir immer beibringen, aber ich bin, was diesen Tanz betrifft, nicht sehr talentiert. Dafür müsste man, denke ich, Latina sein.

Welche Menschen waren, was den Verlauf Ihrer Karriere betrifft, besonders wichtig?

NETREBKO: Ich bin gottgesegnet, weil ich mit Genies zusammenarbeiten durfte. Nikolaus Harnoncourt war eines davon, ein unglaublicher Mann. Die Arbeit mit ihm ist, wie wenn man in eine völlig neue, verschiedene Welt eintritt. Und natürlich muss ich auch noch Valery Gergiev erwähnen, mit seiner nicht zu stoppenden Energie. Plácido Domingo darf ich nicht vergessen. 1998 sang er in Salzburg "Parsifal", ich verkörperte darin ein Blumenmädchen und beobachtete, wie freundlich und charmant er war. Das Gegenteil von Star.

An der Staatsoper feierten Sie jüngst in "Anna Bolena" mit Elina Garana einen Triumph. Wie lang kennen Sie einander schon?

NETREBKO: Ich traf sie erstmals 1998 in Riga. Sie ist fünf Jahre jünger als ich, also war sie damals noch ein "Baby". Ich war ungemein beeindruckt, wie gut sie singen und spielen konnte. Sie ist so wunderbar, mich wundert nicht, dass sie so ein großer Star wurde.

Haben Sie in Ihrer Kindheit und Jugend Filmstars verehrt?

NETREBKO: Ja, zum Beispiel Vivien Leigh, weil sie auch Theater spielte. Ich mochte immer die "Seriösen".

Wie stehen Sie zur Politik?

NETREBKO: Ich kann nicht sagen, dass sie mich nicht interessiert, weil Politik ja unser Leben ist. Doch ich halte mich fern von ihr.

Und glauben Sie an Gott?

NETREBKO: Ich folge keinem Religionsbekenntnis, das ist für mich altmodisch und oft eine herbe Enttäuschung. Aber irgendetwas gibt es in uns. Wir sollten genau hineinhören und uns verschiedene Fragen beantworten. Wir sollten auch Verantwortung tragen und positiven Regeln folgen.

Wenn die berühmte Fee kommen und Ihnen drei Wünsche freistellen würde, welche wären das?

NETREBKO: Drei Wünsche wären mir zu viel. Einer genügt. Ich kann es nicht sehen, wenn andere leiden. In dieser Beziehung werde ich immer sensibler. Mein Wunsch wäre also, Menschen, die leiden, helfen zu können und sie glücklich zu machen.

Ihr Sohn Tiago Arua wurde im September 2008 geboren. Lässt sich jetzt schon ahnen, ob er den Fußstapfen seiner berühmten Eltern folgen könnte?

NETREBKO: Es ist noch ein bisschen früh. Doch ich habe beobachtet, dass er, wenn er zu Proben mitkommt, sehr aufmerksam zuhören kann. Sein Gefühl für Rhythmus ist, glaube ich, gut. Aber er mag es nicht, wenn ich zu Hause singe. Da kommt er immer und hält mir die Lippen zu. Wenn Sie mich fragen, ob ich ihn eines Tages gern auf der Bühne sehen möchte - nein, es würde mir nicht gefallen, ihn etwa mit einer sterbenden Butterfly zu erleben. Aber wenn er unbedingt möchte - schauen wir einmal.

INTERVIEW: LUIGI HEINRICH

Zur Person

Anna Jurjewna Netrebko, geboren am 18. 9. 1971 in Krasnodar.

Studium am Rimski-Korsakow-Konservatorium St. Petersburg.

Karrierestart 1994 am Mariinski-Theater in St. Petersburg.

International: Erster Auftritt in San Francisco unter Valery Gergiev 1995.

Singt seit 1998 regelmäßig in Salzburg und Wien.

Preise: Echo (mehrfach), Bambi, Russischer Staatspreis.

Salzburger Festspiele

"Stabat mater" von Gioachino Rossini, Salzburger Festspiele: 8. und 9. August, 17 Uhr.

Karten: Tel. (06 62) 80 45 500.

"Iolanta " (konzertant) von Peter I. Tschaikowski, 15. und 20. August, 19 Uhr, Großes Festspielhaus. Ausverkauft.

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