Ein klarer Fall von doppelter "Mutivation"
Geniales Doppel: Peter Stein setzt Verdis "Macbeth" in Szene. Am Pult: Riccardo Muti.

Foto © ReutersLetzte Proben: Macbeth-Paar Tajana Serjan und Zeljiko Lucic
Im Vorfeld hatte Stein in einem "Presse"-Interview bereits erklärt, dass von ihm - was ohnehin niemand angenommen hat - keine modischen Mätzchen zu erwarten sind ("Wenn jemand erwartet, dass die Leute auf der Bühne Jeans tragen, Mobiltelefone benutzen, auf den Computer starren oder dauernd ihre Titten zeigen, dann tut mir das leid"). Die Freude ist jetzt jedenfalls groß, dass er wieder in der Felsenreitschule werken darf: "Ich empfinde das als mein Theater. Im Grunde irrational, weil es ja nicht wirklich meines ist. Durch die Renovierung hat es sich nun in einen ganz wunderbaren Ort verwandelt."
"Macbeth" ist eine frühe Oper von Giuseppe Verdi. Sie wurde 1847 in Florenz uraufgeführt, in Paris gab es 1865 eine neue Version. "Diese Version", sagt Stein, "spielen wir. Mit einer kleinen Änderung. Wir nehmen den Schluss der ersten Fassung, in der Macbeth auf der Bühne stirbt."
Zuerst ein Veto
Wobei bei ihm der Drang, dieses Werk zu inszenieren, ursprünglich nicht unbedingt heftig war: "Riccardo Muti hat mich zwei Mal umworben, das mit ihm zu machen. Ich habe abgelehnt. Aus banalen Gründen. Es gibt zwei, drei Szenen, die für einen Theatermacher ganz, ganz schwer zu inszenieren sind. Macbeth begegnet seinem Schicksal. Schön, das passiert uns allen ja täglich, wenn wir unsere Spiegelbilder sehen. Bei Macbeth findet diese Begegnung jedoch mit drei Hexen statt. Das übergibt Verdi dem Chor. Drei Mal sechs Hexen, bei uns sind es jetzt sogar drei Mal fünfzehn. Die treiben sich um einen Topf herum und sollen was kochen. Das zu zeigen, ist bei so vielen Personen schwer. Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Das ging zunächst nicht in meinen Kopf hinein."
Dann noch was: "Mörder lauern Banco, dem Freund von Macbeth, auf. Es gelingt ihnen aber nicht, auch seinen kleinen Sohn umzubringen. All das soll ebenfalls vom Chor bewerkstelligt werden. Das zu inszenieren, schien mir unmöglich."
Zaubertricks
Doch: "Dann hatte ich einen Einfall. Das kann bei einem Regisseur freilich was Schlimmes sein und zum Unglück führen. Gut. Ich habe diese Szene nun so gelöst, dass der Chor die Bühne besetzt und den Wald darstellt. Die Aktion selbst - die Äktschn also - wird von drei Schauspielern und einem Chorsänger gestaltet. Die mimen die Mörder."
Bei der zweiten Hexenszene bedient sich Peter Stein "einer Reihe von Zaubertricks, die sich schon Verdi einfallen ließ. Der war ja auch ein genuiner Theatermann. Er agierte als sein eigener Regisseur, als der er auch sehr präzise Anweisungen gab. Macbeth hat einen Moment, wo er wissen möchte, wie es weitergeht. Alle Verbrechen scheinen nicht auszureichen, um die Macht zu bewahren, zu erhalten. Er sinniert, dass er wohl noch mehr Blut vergießen muss. Wie das bei Machthabern halt so ist. Von der Last der Erkenntnis wird das Sensibelchen ohnmächtig. Es ist von einem Elfenballett die Rede, das ihn aus der Ohnmacht erwecken soll. Nun haben wir in der Felsenreitschule aber keinen Schnürboden, von dem die Elfen runtergleiten können. Meine Lösung ist, die Aufweckszene kleinen Elfen zu übergeben, die von Kindern verkörpert werden."
Man kann natürlich vieles, meint Stein, mit Jux und Tollerei erzählen: "In meiner Inszenierung versuche ich jedoch, Bilder herzustellen, die im Kopf der Zuschauer erhalten bleiben. Nehmen wir das Ende des ersten Aktes, wo der ermordete Duncano aus der Palasttür rausgetragen wird. Alle scharen sich um ihn, es wird gebetet, die Verbrechen der Mörder werden herbeigeflucht - während jene seelenruhig danebenstehen. Dasselbe Bild kommt ganz zum Schluss noch einmal, als Malcom, der Sohn des ermordeten Macbeth, gekrönt und gefeiert wird. Das sind sogenannte Spiegelbilder."
Die Salzburger "Macbeth"-Produktion ist seit Jänner ausverkauft und siebenfach überbucht. Lesung: Peter Stein liest heute im Kurhaus Bad Aussee "Faust Fantasia" (mit Musik). Kurhaus Bad Aussee, 20.30 Uhr. Karten: Tel. 0 664 78 06 760
Features
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"Mätzchen gibt es bei mir nicht": Peter Stein bei den intensiven Probenarbeiten in Salzburg Foto © APA
"Mätzchen gibt es bei mir nicht": Peter Stein bei den intensiven Probenarbeiten in Salzburg Grafik © APA
Fakten
Peter Stein, geb. am 1. 10. 1937 in Berlin, zählt zu den wichtigsten Theater- und Opernregisseuren der Gegenwart.
1970 übernahm er die Berliner Schaubühne und schuf dort mit Jutta Lampe, Edith Clever, Otto Sander, Bruno Ganz u. a. etliche legendäre Inszenierungen.
Seit 1985 widmet er sich vorwiegend Großprojekten, darunter "Faust" und "Wallenstein".
"Macbeth" in Salzburg ist seit Jänner restlos ausverkauf.










