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    Zuletzt aktualisiert: 27.07.2011 um 15:02 UhrKommentare

    Abschied von der Tristesse

    Vom Mauerfall zum Triumph des Glücks und der Kunst. Die (gekürzte) Salzburger Festpielrede von Joachim Gauck.

    Joachim Gauck bei der Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen

    Foto © APAJoachim Gauck bei der Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen

    Ja, es gibt sie, diese Tristesse des Alltags. Sie umgibt alle Dinge mit einem Niederungsgrau. Die Unvollkommenheit der Leute und der Verhältnisse erzeugt dann eine ganze Kultur des Verdrusses. Einige - ich komme aus Deutschland - verbringen ihr ganzes Leben darin. Einige wenige halten es schon für Hochkultur, wenn ihre Klage nur schrill genug, ihre Distanz zu ihrer Umwelt nur grell und plakativ genug ausgestellt wird.

    Und dann gibt es Salzburg! Und diese Festspiele! Hier gibt es Menschen, die Fantasie, Energie und Geld aufbringen, um ins Bewusstsein zu bringen, was uns auf die Spur des Überlebens zurückruft. Wir haben verschiedene Namen für diesen Vorgang, wenn Menschen das Grau ihrer Niederungen verlassen, sich neue Sichtweisen zumuten, neue Haltungen zu eigen machen, neu daran glauben, wichtig und wertvoll zu sein.

    Abschied von der Tristesse

    Manchem wird das Wort "Freude" genügen, um seinen Abschied von der Tristesse zu beschreiben. Andere sagen "Glück", wenn ein seliger Augenblick in einem Musikwerk ihre Nichtigkeit zu verwandeln vermag. Andere werden es als "Kraft" bezeichnen, wenn ihnen in einem literarischen Text gedeutet wird, was ihnen bislang verborgen war. Menschen, die Derartiges erleben, fühlen sich ermächtigt, aber nicht zu frevelhafter Hybris oder zur Überschätzung des eigenen Ich; vielmehr erlangen sie ein lange vergessenes oder gar nie gekanntes Gefühl dafür, lebendig zu sein. Menschen kommen auf neue Weise bei sich selbst an.

    Wenn die Verantwortlichen der Festspiele 2011 ein Motto über diese Tage stellen, das lautet: "Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschlich Denken", dann wollen sie mit diesem Wort eines Künstlers an die geheimnisvollen Fähigkeiten der Kunst erinnern, uns zu dem zu machen, was wir sein können: Sensible, schöpferische, mit guten Gaben ausgestattete Wesen. Wir wissen es ja, weil wir, zumal in Europa, zu viel gesehen haben an Verlust, Übermut und todgebärender Stärke, wir wissen es ja, dass weder die Kunst noch die Künstler unsere Welt wirklich verwandeln können. Schon der Religion hatten wir es zugetraut, aber auch sie hat es nur begrenzt vermocht.

    Wenn ich heute zu Ihnen spreche, gehört es dazu, dass ich Ihnen sage, dass ich "von weither" komme. Das ist nicht geographisch gemeint, denn die Ostsee (von der aus ich meine Reise angetreten habe) ist ziemlich nah am Herzen Europas.

    Es ist eine andere Ferne, von der ich spreche: Jenes 1989 zu Ende gegangenes "draußen - vor dem Tor", in dem der Osten Europas verharren musste, weil die Werte des alten Europa den Diktatoren passten.

    Wie vor Jahren Vaclav Havel oder Arpad Göncz, die an dieser Stelle zu Ihnen sprachen, erinnere ich Sie durch meine schiere Präsenz daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass freie Menschen in Freiheit und ohne Zensur, ohne den Nachweis des Wohlverhaltens durch die beteiligten Künstler einander in einem Festival begegnen, wo die Freiheit der Kunst einfach gelebt wird. Frei gewählte Politiker und freie Bürger - unterstützt von Liebhabern der Kunst aus Medien und Wirtschaft - schaffen Kunst und Künstlern Wirkungsmöglichkeiten. So entsteht jenes besondere Flair, wo große Kunst eingebettet ist in den Lebensatem der Freiheit - ein Geschenk der Zivilisation an die Lebenden!

    Aber ich sollte noch einen Moment von jenem "Draußen" sprechen. Nur wenige von Ihnen haben erlebt, was Generationen von Menschen in Osteuropa prägte: Entfremdung durch perpetuierte Ohnmacht der Vielen bei beständiger Übermacht der Wenigen.

    Ich muss einfach von dieser Zeit sprechen. Nicht nur, weil die langen Schatten der Diktatur immer noch auf den Übergangsgesellschaften des Ostens liegen, sondern weil der Blick in die Ferne, die immer noch so nah ist, uns ein vertieftes Verständnis des Mottos der diesjährigen Salzburger Festspiele geben kann.

    Wer nämlich hätte uns einst in den politischen Einöden des eingemauerten Ostens denn "das Ohr aufgeweckt, die Augen, das menschliche Denken" - wenn nicht jene Künstler, die sich nicht an die Macht verkauften. Ähnlich wie die Christen in den unterdrückten Völkern aus dem Glauben heraus Gegenkulturen errichteten, Haltungen, Denkweisen und Werte aufbewahrten, die ihren Unterdrückern nichts galten, waren die Gegenwelten der Kunst die Orte, an denen die Augen und Ohren der Suchenden wie auch ihr Geist geöffnet wurden.

    Sehnsucht nach Freiheit, Autonomier und Vertrauen

    Jeder Mensch sehnt sich nach Freiheit, Autonomie und Vertrauen. In der Sehnsucht der Unterdrückten lebte dann all das, was draußen in der Gesellschaft nicht möglich war. In der Begegnung mit der Kunst wie mit dem Glauben konnte sich der Geist angepasster Mitläufer verwandeln, erwachte auch eine von den Mächtigen unerwünschte Form von Kreativität und Hingabe an Werte, die in einzelnen Individuen schon lebten, was in der Gesellschaft noch lange nicht sein durfte. Und wer den Grat überschritten hatte, von der Macht also weder Förderung noch Schutz zu erwarten hatte, vermochte die Dinge neu zu sehen und zu sagen.

    Und jetzt sprechen wir noch einmal über jene, die das wahrnehmen wollen, was wirklich ist, die sich Augen, Ohren und Verstand öffnen lassen und dann Worte, Töne, Bilder erfinden, die neu, revolutionär oder einfach nur von schlichterer Wahrhaftigkeit geprägt sind.

    Wir stellen uns vor, wie in den Meeren der Anpassung und den Wüsten der politischen Ohnmacht plötzlich einer in klarer Sprache dem ganzen Wortgeklingel das Wort "Wahrheit" entgegenstellt. So war es, als Vaclav Havel seinen "Versuch, in der Wahrheit zu leben" ins Wort brachte. Wir stellen uns auch vor, wie Pavel Kohout, wie die Unterzeichner der Charta 77 nicht mehr anders konnten, als ihre Gedanken öffentlich zu machen. In jenen Zeiten wartete keineswegs die Siegerstraße, sondern das Gefängnis auf die Mutigen. So haben es mehr als zwei Generationen in den Diktaturen erleben können.

    Und wir staunen darüber, wie schließlich andere Menschen von Botschaften der Wahrhaftigkeit ergriffen wurden, und wie schließlich Inseln von Aufgewachten entstehen, die erst viel später zu Eilanden werden und zu Landstrichen für die Vielen.

    Wir mögen uns nicht vorstellen, wie die tapferen Polen ohne ihre verwegenen Künstler, Intellektuellen und Kirchenleute dastehen würden. Polen ohne Ceslaw Miloszs "Verführtes Denken", ohne Zbigniew Herbert oder Stanislaw Lec, ohne Krzystof Penderecki, ohne Jerzy Popielusko, den erschlagenen Priester. Wir mögen uns auch den Zentralstaat des Imperiums, die einstige Sowjetunion, nicht ohne Alexander Solschenizyn oder Anna Achmatowa vorstellen, ohne Lew Kopelew oder Bulat Okudschawa.

    Die Mutigen

    Ohne all diejenigen, die sich nicht brechen ließen. Staunend stehen wir vor den musikalischen Welten von Sofia Gubaidulina und Galina Ustwolskaja, die geblieben waren trotz Anfeindung, bewahrend was Glaube, Begabung und Demut in ihnen hervorgebracht hatten. Sie und die eingekerkerten, mit Zensur und Berufsverboten bedrohten Künstler wussten nicht, ob zu ihren Lebzeiten die Wahrheit siegen oder die Knechtschaft enden würde. Aber sie hätten ihr eigenes Ich verloren, wären untergegangen in der Masse der Verwechselbaren, hätten sie ihre Wahrheit, ihr Bild vom Leben, ihren Glauben auf den Altären der Macht geopfert.

    Egal welches der unterdrückten Länder wir anschauen, in Ungarn, Rumänien, ja sogar bei den gehorsamen Deutschen in der DDR begegnen uns jene, die verwegen genug waren, eine neue Form der Existenz zu wagen. Plötzlich entstehen dann Worte, Töne, Bilder, die andere aufwecken. Freilich verstummten auch einige oder suchten ihre Freiheit außer Landes. Früh geht Uwe Johnson, früh Peter Huchel, bald danach Sarah Kirsch und Reiner Kunze. Wolf Biermann, der enttäuschte Kommunist, wird ausgesperrt. Aber obwohl so viele gehen - überall im Land erwächst es neu, diese Erwachen zum Sehen der wirklichen Wirklichkeit.

    Und dann begibt sich die Freiheit aus den geschützten Innenräumen der Sehnsucht hinaus ins Freie, und auf der Straße findet das erwachte Denken dann die richtigen Worte für eine richtige Bewegung: "Wir sind das Volk!"

    Soweit der Blick und die Denkrichtung, die ich Ihnen mitgebracht habe als einer, der von "weither" kommt. Ich weiß seit diesen Jahrzehnten viel vom Aufwecken von Auge, Ohr und Verstand. Und ganz nebenher habe ich gelernt: Glaube niemandem, der dir sagt, es gebe kein richtiges Leben im falschen.

    Wenn wir hier mit großer Freude die so spezifischen Fähigkeiten von Kunst und Künstlern preisen, Menschen zu sich selbst zu führen, dann ist gleichzeitig davor zu warnen anzunehmen, Kunst könne alles. Wohl verschafft sie uns magische Augenblicke irdischer Glückseligkeit, aber gleich darauf warten sie wieder auf uns: unsere Alltagspflichten, Alltags- gebrechen und -nöte.

    Eben noch "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium" - und jetzt die Steuererklärung!Oder unsere Regierungen - so mangelhaft! Oder unser Europa - so zerstritten!Oder unser Klima - so bedroht!

    Manch ein Kunstfreund hat angesichts der desparaten Wirklichkeit da draußen nur noch Fluchtgedanken; da es kein Leben nur in der Kunst gibt, flüchtet er in die Vision einer geheilten, von Interessengegensätzen und Bosheit gereinigten Welt. Dieser Welt, dieser Freiheit ist er abhold. In der ideologischen Imagination, in der Utopie gibt es, so hofft er, gibt es Besseres. Dem würde er gern dienen, das Vorhandene ist zu banal und lohnt die Mühe des eigenen Engagements nicht.

    So kann der Typus des weltflüchtigen Kunstfreundes entstehen, der die Agora meidet als Tummelplatz von Leidenschaften und Interessen der Mängelwesen. Sie verbünden sich mit anderen, die Politik erst interessant finden, wenn Visionen und Utopien verwirklicht werden sollen.

    Misstrauen

    Aber hat nicht gerade das vergangene Jahrhundert uns gelehrt, am allermeisten denen zu misstrauen, die uns die Vision einer erlösten Welt als Politikziel ausgaben? War nicht ihre Vorstellung, sie würden die Endstufe der Geschichte kennen, zunächst von großem Reiz gewesen, hatte Massen bewegt "Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht ..." und hatte dann im Dunkel der Sackgasse geendet. Millionen ungesühnter Opfer statt einer gerechteren oder gar versöhnten Welt - was für ein Ende! Die Utopie, so glücksverheißend gestartet, war nichts gewesen als Flucht aus der Freiheit.

    Als gebrannte Kinder werden wir Europäer künftig lieber das Schwarzbrot der Realpolitik essen, als zum Zuckerbrot der Ideologen zu greifen. Wir tun gut daran, weniger nach der vollkommenen Gesellschaft zu trachten, sondern in mühseliger Arbeit das Bessere - oder wenn Sie so wollen: das weniger Schlechte - zu gestalten. Dies bedeutet nicht, sich der Banalität zu verschreiben, es bedeutet der Realität standzuhalten.

    Und damit unsere Seelen in den unwirtlichen Ebenen der Politik überleben können, haben wir die Künste. Künstler, selbst Mängelwesen, begleiten uns Mängelwesen auf unseren Lebenswegen. Klagen, wo Lobpreis zu Unrecht gefordert wird, preisen das Leben, die Schönheit, wo Zweckmäßigkeit und Nutzen ihr Zepter erhoben haben, trösten, wo Trost fehlt, reden und singen vom Paradies - riechen die Hölle von weit.

    In der Kunst wie in der Religion begegnen wir dem Absoluten, das wir weder in der Politik noch in der Ökonomie je antreffen werden. Denn Mängelwesen können Vollkommenheit nicht schaffen. Aber dessen ungeachtet ahnen wir das Gute und Vollkommene. Und indem wir es ahnen, verwandeln wir die Tristesse unserer Niederungen in Lebenswelten, in denen Menschen bleiben möchten.

    Wir Osteuropäer haben zudieser Freiheit, die im Herzen Europas gewachsen war, 1989 "Ja" gesagt. Es stimmt, wir hatten nichts Besseres als das nicht vollkommene, aber lernfähige System aus Freiheit, den Menschen- und Bürgerrechten, der Herrschaft des Rechts und einer so neuen wie erstaunlichen Friedenswilligkeit. Dies gesehen zu haben, mitgestaltet zu haben - und dann heute in Salzburg zu sein, zusammen mit Ihnen allen - wie schön! Und wie wichtig! Denn in unserem heutigen Europa brauchen wir Menschen, die im Sinne unseres Mottos mit "aufgeweckten" Sinnen und erwecktem Verstand reagieren.

    Nicht Angst, nicht Angststrategien werden Europa retten, sondern allein ermächtigtes Handeln von Menschen, die sich für zuständig erklären. Ganz normale Menschen. Und die Künstler, die wir bewundern; an vielen Orten Europas begegnen wir uns - heute hier in Salzburg. Deshalb gehören Mozart und das Salzburg der Künste und Künstler so sehr in das Zentrum Europas. Weil hier Menschen lernen und leben, dass nicht die Mängel und Defizite, die Neurosen und Probleme das Wesen unserer Gesellschaft ausmachen, sondern die Freude an der Freiheit. An der Freiheit der Erwachsenen zumal, die wir bei ihrem Namen nennen: Verantwortung.


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