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Zuletzt aktualisiert: 27.07.2010 um 19:52 UhrKommentare

Ohropax sei mit ihm!

Thema verfehlt? Oder gar das Stück? Peter Steins Salzburger Version des "Ödipus von Kolonos" wirft einige Fragen auf. Sie sind aber nicht so quälend wie die oft völlig statische Inszenierung auf der Perner Insel.

Klaus Maria Brandauer (Ödipus) und Katharina Susewind (Antigone)

Foto © APAKlaus Maria Brandauer (Ödipus) und Katharina Susewind (Antigone)

Wozu soll man Sophokles' "Ödipus auf Kolonos spielen"? Diese Frage sollte ein Regisseur beantworten können, wenn er das spröde Stück ansetzt. Peter Stein wollte die Tragödie seit 30 Jahren inszenieren, also wird er seine Gründe dafür haben. Er hat sich die Mühe gemacht, den Text selbst zu übersetzen. Eine Co-Produktion mit dem Berliner Ensemble Claus Peymanns ermöglicht Stein die Verwirklichung seines Traums auf der Perner-Insel in Hallein. Warum ihm das wichtig schien, hat er in den fast drei Stunden, die die Aufführung in Anspruch nimmt, nicht erklärt.

Steins Textversessenheit ist bekannt, sie bescherte wunderbare, unvergessliche Aufführungen, ohne Schnörkel, konzentriert auf den Kern der Stücke. Hier hat er seine Methode wieder versucht. Das Ergebnis ist ein langweiliger, gelegentlich an der Schmiere nur knapp vorbeischrammender Theaterabend.

Warum nicht funktioniert, was beim "Zerbrochenen Krug", bei den "Dämonen", beim "Wallenstein" und natürlich beim 22-Stunden-Faust aufgegangen ist, lässt sich aus dem Stück erklären. Sophokles' Tragödie vom sterbenden Ödipus ist mehrere Epochenbrüche von uns entfernt. Vieles, was gesagt wird, und das gesamte metaphysische Personal ist uns zutiefst fremd. Es wäre Aufgabe der Regie, eine Brücke zu jener fernen Epoche zu schlagen, sichtbar und fühlbar zu machen, warum uns das alles heute trotzdem nahegehen kann.

Peter Stein verweigert das. Er begnügt sich damit, händeringende, wimmernde Frauen auf die Bühne zu stellen, einen hochgewachsenen, blütenweißen König, dessen rot gewandeten Gegenspieler und einen Chor aus alten Männern, wie sie sich heute noch in griechischen Cafés auf ihre Stöcke stützen. In der Mitte sitzt Klaus Maria Brandauer wie ein gefesselter Prometheus und darf sich kaum rühren, was ihm sichtbar schwerfällt.

Zum Sitzen verurteilt

Immer wieder habe er seinen Protagonisten daran hindern müssen, aufzuspringen, erzählt Stein von den Proben mit dem schwer zu Bändigenden. So spricht Brandauer also im Sitzen seinen spröden Text, an dem er stellenweise recht lustlos kaut. Nur wenn der Zorn in ihm hochkocht, wenn er mit Kreon über Familienhader, Schuld und Sühne streitet, bricht der Kampfgeist in dem abgedankten König wieder auf. Für ein paar schöne Augenblicke endet dann das Deklamieren und Theater ereignet sich.

Kreon ist Jürgen Holtz, der auch schon im "Wallenstein" dabei war. Der alte Charakterdarsteller aus dem Berliner Ensemble bringt endlich Leben ins Spiel. Hinterhältig versucht er den Blinden zu übertölpeln und scheitert am Widerstand Athens. Mit der Entschlossenheit der jungen Demokratie, das Schutzversprechen für den Hinfälligen einzuhalten, hat der Despot aus Theben nicht gerechnet.

König Theseus, der aufgeklärte Athener, ist Christian Nickel, bekannt als der junge Faust in Steins Goethe-Marathon. Er macht das beste aus dem Steh-Theater, das ihm verordnet ist, aber mehr als die Hülle eines Königs wird auch er nicht.

Für den Tod des Leidensmannes hat sich Stein einen Gag einfallen lassen, der die ganze Ödnis zum Ausdruck bringt. Ödipus hat sich, sein Ende ahnend, in den heiligen Hain der Eumeniden geschleppt. Als er dort stirbt, zündet Stein eine Kanone, dazu blitzt eine Wand von Scheinwerfern auf. Um die Ohren zu schonen gibt's vor der Vorstellung Ohropax für alle mit der Anweisung, sie zwei Stunden 15 nach Vorstellungsbeginn einzulegen. Banaler, hohl tönender ist Tod kaum je auf die Bühne gebracht worden.

Dem Erfolg tat all das keinen Abbruch. Brandauer, das Ensemble und auch Peter Stein selbst wurden gefeiert wie nach einem großen Abend. Es sei ihnen gegönnt.

THOMAS GÖTZ

Zum Stück

Ödipus auf Kolonos. Von Sophokles. Regie und Bearbeitung: Peter Stein. Mit Klaus Maria Brandauer.

Nächste Aufführungen: Perner-Insel, Hallein. 28., 30., 31.Jul; 2., 3., 5. 13., 14., 16. August.

Karten: Tel. (0 662) 8045 500

www.salzburgerfestspiele.at

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