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Zuletzt aktualisiert: 11.08.2009 um 09:13 UhrKommentare

Kreisler und Kehlmann als provokante Köpfe

"Liebste und vorletzte Lieder": Daniel Kehlmanns Rückblick auf Georg Kreislers Chansons im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Kreisler: "Schön wäre Wien ohne Wiener."

Foto © EPA/RoesslerKreisler: "Schön wäre Wien ohne Wiener."

"Ich habe teilweise vergessen, was ich damals mit meinen Liedern sagen wollte. Wahrscheinlich muss ich verrückt gewesen sein", sagt Georg Kreisler über jene makabren Chansons, die ihn in den 50er und 60er Jahren zu einem der renommiertesten Vertreter des deutschsprachigen Kabaretts der Nachkriegszeit gemacht haben. Im Rahmen der Salzburger Festspiele saß der Meister des schwarzen Humors Montagabend als "Dichter zu Gast" bei Daniel Kehlmann auf der Bühne und sorgte im restlos ausverkauften Mozarteum nicht nur für Lacher, sondern übte vor allem scharfe Kritik an Medien und Gesellschaft.

In einer gelungenen Verbindung aus per Lautsprechern eingespielten Liedern (nach denen Kreisler oft lächelte und sich für den Applaus bedankte) und dem Bezug zur heutigen Gesellschaft diskutieren Kehlmann und der heute 87-jährige Kreisler über Medien, Demokratie und die Schere zwischen Arm und Reich. "Genug von Angst, genug von Geld, ich will nur wissen, dass ich leb' in dieser Welt", heißt es in Kreislers Lied "Dann geht's mir gut" von 1971. Eine Anspielung an den Klassenunterschied, der heute, wie er sagt, aktueller denn je ist.

Kreisler "einer der größten Wünsche"

"Bereits vor einem Jahr habe ich darüber nachgedacht, welche Dichter ich mir für diese Bühne wünsche", erzählt Kehlmann, der zuletzt mit seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele für Aufregung sorgte, in seinen einleitenden Worten. "Kreisler war von Anfang an einer meiner größten Wünsche." "Liebste und vorletzte Lieder" nennt der Schriftsteller den letzten Abend seiner kuratierten "Dichter zu Gast"-Reihe. Zwei provokante Köpfe der damaligen und heutigen Zeit auf einer Bühne. "Ich schreibe nie mit Absicht. Sie etwa?", fragt Kreisler sein Gegenüber. Kehlmanns Antwort kommt rasch: "Ich schreibe wohl mit ein wenig zu viel Absicht."

Kreislers Chansons behandelten meist ernste, düstere Themen wie Antisemitismus, Gewalt und Macht - für ihn damals und heute die Realität. Mehrmals an dem Abend äußert er seine Angst, dass sich das politische System in Österreich nach rechts ändern könnte, "wie es in der Vergangenheit bereits geschehen ist." "Wir leben ja in einer Demokratie, aber man merkt nichts davon", sagt der gebürtige Wiener auf der Bühne.

Die Gefühle zu seinem Heimatland Österreich sind weiterhin zwiespältig. "Auch in Österreich wird intrigiert und Macht ausgeübt, nicht weniger als in anderen Ländern." Seit seiner Flucht vor den Nazis 1938 in die USA hat er die amerikanische Staatsbürgerschaft; bisher sei Österreich nie an ihn herangetreten, um das zu ändern. Die Zeit in den USA, in denen er unter anderem mit Charlie Chaplin arbeitete, hat Kreisler sehr geprägt. "Jedoch geht es in amerikanischen Theatern nur um Erfolg und Profit," so Kreisler zu Kehlmann. "Anders als bei den deutschen Regietheatern, die Sie ja lautstark angegriffen haben." Im Publikum: Gelächter, aber auch Buhrufe.

Kein gutes Haar

An den Medien, laut Kehlmann die vermeintlichen "Hüter der Demokratie", lässt Kreisler kein gutes Haar. Für den Wahlsalzburger ist im Fernsehen von heute bei "niedriger Unterhaltung und der Bindung an Parteien" der nächste Schritt "nur noch der Faschismus." Medien "tun lediglich das, was man von ihnen erwartet. Ich glaube nicht, dass irgendjemand im ORF sitzt, dem etwas anderes einfällt, als das heutige System zu bestätigen."

An seinem 85. Geburtstag kehrte Kreisler nach 15 Jahren in der Schweiz nach Österreich zurück. Kreisler zog es jedoch nicht in seinen Geburtsort Wien, sondern nach Salzburg. "Wien ist ein ganz eigener Boden, wie nirgendwo sonst auf der Welt. Da fühlt man sich wohl oder auch nicht - ich tu es nicht", so der einstige Liedermacher. Es soll der einzige Moment an diesem Abend bleiben, an dem er eines seiner alten Chansons anstimmt: "Schön wäre Wien ohne Wiener." Heute drückt Kreisler seine Gedanken nicht mehr in Liedern aus - stattdessen verfasst er Romane, Opern, Theaterstücke und Gedichte. Am 14. November feiert seine zweite Oper, "Das Aquarium", Uraufführung in Rostock. Nächstes Jahr soll ein neuer Gedichtband erscheinen, wie er Kehlmann verrät. "Keine alten Lieder, sondern neue Werke. Aber mehr verrate ich nicht." Das Publikum dankte am Ende mit Standing Ovations und anhaltendem Applaus.


Aufzeichnung

Eine Aufzeichnung von "Liebste und vorletzte Lieder" ist am 15. August um 22.05 Uhr auf Ö1 zu hören.

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