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Zuletzt aktualisiert: 25.07.2009 um 13:00 UhrKommentare

"Das Spiel der Mächtigen": Claudia Schmieds Festrede

Die Bildungsministerin über das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele.

Foto © APA

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrte Frau Landeshauptfrau!
Sehr geehrte Frau Festspielpräsidentin!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Giorgio Strehler hat hier in Salzburg vor 36 Jahren seine Inszenierung von William Shakespeares Königsdramen unter den Titel ?Das Spiel der Mächtigen“ gestellt.

So lautet nun auch das Motto der Salzburger Festspiele 2009.

In diesen schlichten vier Worten "Das Spiel der Mächtigen" steckt viel an Material für Reflexion.

Wie drückt sich Macht in einer demokratischen Gesellschaft aus?
Wer sind die Spieler der Macht und welches Stück gestalten sie?
Wie lässt sich Macht kontrollieren?

Oft ist es die Politik, der man Macht zumisst und vielfach auch den Missbrauch von Macht unterstellt.

In Shakespeares Dramen sind es die "Heinriche", die grausam und unberechenbar sind.

Ihre Macht erwächst aus Gewalt und Intrige.

Die Hoffnung Platons an eine gerechte Ordnung, bei der sich der Gerechte, der Vernünftige und nicht der Stärkere durchsetzt, scheint weit entfernt.

Und auch die in unserer Zeit ablaufende Geschichte kennt die korrumpierte, die gegen den Menschen gerichtete politische Macht.

Die Leidtragenden versuchen ihr zu entkommen, stranden an Europas Küste, vegetieren in Flüchtlingslagern oder sind stumm und ohnmächtig gemacht worden.

Diesen Formen der gewaltsamen Herrschaftsausübung haben wir in Europa, meine Damen und Herren, das politische System der Demokratie entgegengesetzt.

Die parlamentarische Demokratie stellt alleine noch keine Garantie gegen Machtmissbrauch dar, aber sie ist das wohl tauglichste System, um die Pluralität der gesellschaftlichen Meinungen und Interessen in fairer Weise abzubilden.

Macht in einer demokratischen Gesellschaft beruht, im Gegensatz zur Gewaltherrschaft, auf der Legitimation durch die Bürgerinnen und Bürger.

Hannah Arendt bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: "Aus den Gewehrläufen kommt immer der wirksamste Befehl, der auf unverzüglichen, fraglosen Gehorsam rechnen kann. Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht."

Meine Damen und Herren!

Wem als Politiker durch eine demokratische Wahl die Gestaltungsmacht gegeben wird, übernimmt die schwierige Aufgabe, die Vielfalt der Interessen in einer Gesellschaft wahrzunehmen und verantwortungsbewusst Entscheidungen zu treffen.

Solche Politik ist niemals gegen Menschen gerichtet, grenzt niemanden aus, sucht nicht den billigen Applaus, hetzt nicht auf Minderheiten, sondern stellt sich den komplexen Aufgaben und der Verantwortung der Macht.

Dann und nur dann, meine Damen und Herren, gilt das Wort von Michel Foucault, der gesagt hat: "Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben. ... In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches."

Wenn Macht so begriffen wird, ist sie nicht statisch oder auf ewig festgelegt.

Sie fordert das Korrektiv ein, fördert den konstruktiven Widerstand als Sicherheit gegen die stete Gefahr, wichtige Argumente auszublenden und falsche Entscheidungen zu treffen.

Foucault sagt auch: "Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand."

Meine Damen und Herren, immer schon waren es und sind es bis heute die Künstler und Künstlerinnen, die den Missbrauch der Macht thematisieren, aufdecken und anklagen.

Demokraten sind der Aufklärung verpflichtet. Die Aufklärung postuliert nicht nur die Menschenrechte, sondern, um es mit Immanuel Kant zu sagen, fordert uns auf, von unserer Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.

Dieser Appell an die Teilnahme aller Menschen am politischen Geschehen, korrespondiert mit meinen Zielsetzungen als Ministerin für Bildung, Kunst und Kultur.

Aus der Analyse, dass Macht den konstruktiven Beitrag, auch den Widerspruch braucht, entsteht ein gesellschaftlicher Auftrag.

Demokratie ist kein statisches Gebilde. Sie muss täglich erarbeitet und weiterentwickelt werden. Es muss uns daher gelingen, auch die junge Generation davon zu überzeugen, dass es ihr möglich ist, die politische und die wirtschaftliche Macht zu kontrollieren.

Die Familie, die Schule und auch die Kultur-Institutionen müssen das Bewusstsein der Jugend für diesen notwendigen Beitrag schärfen, ihre kritische Distanz zum Etablierten respektieren und sie zur Teilhabe an demokratischen Prozessen befähigen.

Meine Damen und Herren!

Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.

Die Kunst ist gefordert, an der Macht zu rütteln. Sie ist gefordert, den gesellschaftlichen Wandel mahnend zu begleiten und Werthaltungen und Motive zu hinterfragen.

Wir haben in unserer Zeit Regime stürzen, die Denkmäler von Diktatoren in den Staub fallen sehen.

Aber die Kunst, die man so oft zum Schweigen bringen wollte, hat überlebt und wird überleben. Wenn niemand mehr die Namen der Machtspieler kennt, wird man noch Voltaire, Heinrich Heine, Salman Rushdie oder Thomas Bernhard lesen.

Die Salzburger Festspiele zeigen mit ihrer Schwerpunktsetzung den Missbrauch und das Ende der Macht in seinen vielen Facetten.

Von Jedermann über Fidelio, von Theodora bis zu Judith bietet sich Stoff für Nachdenklichkeit und für Zuversicht.

"Die Kunst ist die Quelle der Bildung", sagt Gustav von Aschenbach in Thomas Manns "Tod in Venedig".

Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass ein Hauptanliegen aller Kultur- Einrichtungen und der Schule darin bestehen muss, junge Menschen an die Kunst heranzuführen.

Wer die überwältigende Macht der Kunst verspürt, wird für eine Welt der Gerechtigkeit offen sein.

Die Salzburger Festspiele 2009 glänzen mit einer klaren Programmatik und einem vielfältigen Programm.

Ich wünsche allen, die am Zustandekommen der Salzburger Festspiele mitwirken, aus vollem Herzen große Erfolge.


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