Theaterregisseur Jürgen Gosch 65-jährig gestorben
Gosch war einer der wichtigsten deutschsprachigen Theaterregisseure der Gegenwart. Am Wiener Burgtheater, am Akademietheater und bei den Salzburger Festspielen waren Inszenierungen geplant.

Foto © APAGosch ist in der Nacht auf Donnerstag seinem krebsleiden erlegen.
Jürgen Gosch, der in der Nacht auf heute, Donnerstag, 65-jährig gestorben ist, zählte zu den wichtigsten deutschsprachigen Theaterregisseuren der Gegenwart. Zahlreiche Preise und ein stets außerordentlicher Publikumszustrom zeugen von seiner Popularität. Gosch sorgte gern mit provozierenden Inszenierungen für einen Skandal - so 2005 am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo er Shakespeares "Macbeth" ausschließlich von nackten Männern spielen ließ. Die Inszenierung war typisch für ihn: kühl in der Führung der Gedanken, reflektierend beim Vorführen von überbordenden Gefühlen, durchwegs mit klugen politischen Assoziationen gespickt. Das machte ihn in der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu einem Ausnahme-Regisseur.
Burgtheater.
Am Wiener Burgtheater hätte Gosch im Oktober 2008 mit der
Inszenierung beider Teile von Goethes "Faust" für einen Höhepunkt der
auslaufenden Direktion von Klaus Bachler sorgen sollen. Aufgrund
seiner schweren Krebs-Erkrankung musste das Projekt jedoch abgesagt
werden. Der Regisseur, dessen "Onkel Wanja"-Inszenierung kürzlich bei
den Wiener Festwochen zu sehen war, hatte auch eine Inszenierung der
"Bakchen" von Euripides für die heurigen Salzburger Festspiele
geplant. Im Februar 2010 war ebenso eine Uraufführungs-Inszenierung
eines neuen Stückes von Yasmina Reza durch Gosch am Wiener
Akademietheater vorgesehen.
Ernst Busch-schule.
Die Laufbahn des am 9. September 1943 geborenen Regisseurs begann
Anfang der 60er Jahre mit dem Studium an der (Ost-)Berliner
Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Nach verschiedenen
Engagements als Schauspieler und ersten Regiearbeiten in Potsdam
etablierte sich Gosch an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im
Ostteil Berlins. Als dort 1978 seine Inszenierung von Büchners
"Leonce und Lena" aus politischen Gründen abgesetzt wurde, siedelte
der gebürtige Chemnitzer nach Westdeutschland über.
Aufsehen.
Nach Stationen in Hannover und Bremen erregte er in Köln mit
einigen Inszenierungen Aufsehen. Vor allem seine
Sophokles-Bearbeitung des "Ödipus", 1984 mit Ulrich Wildgruber in der
Titelrolle, wurde gefeiert. Danach fand Gosch bis 1988 seine
künstlerische Heimat am Thalia Theater Hamburg. 1989 übernahm er die
Leitung der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, gab diesen Posten
jedoch nach nur einer glücklosen Spielzeit wieder ab. In der Folge
arbeitete er in Frankfurt am Main, in Bochum und von 1993 bis 1999
fest am Deutschen Theater Berlin. Danach war er wieder als freier
Regisseur tätig.
Regisseur des Jahres 2004.
Für seine Inszenierung der "Sommergäste" von Maxim Gorki am
Düsseldorfer Schauspielhaus wählte ihn das Theatermagazin "Theater
heute" zum Regisseur des Jahres 2004. Zur "Inszenierung des Jahres
2008" wurde Goschs Version von Tschechows "Onkel Wanja" am Deutschen
Theater Berlin gekürt. Aufsehen erregte er auch mit der ebenfalls
dort entstandenen Inszenierung von Albees "Wer hat Angst vor Virginia
Woolf?". Die kühle Inszenierung mit Corinna Harfouch und Ulrich
Matthes in den Hauptrollen wurde ein absoluter Publikumsmagnet und
mit mehreren Auszeichnungen geehrt.
skandal.
Zum Skandal führte Goschs "Macbeth"-Inszenierung am Düsseldorfer
Schauspielhaus wegen ihrer blutigen und brutalen Bilder. Das
Premierenpublikum verließ in großer Zahl das Theater. Die daraufhin
nach Berlin zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung entfachte
eine Diskussion über Gewaltdarstellungen auf der Bühne. 2006 erhielt
Gosch für diese Inszenierung den Faust-Theaterpreis.
Kein Entrinnen.
Gosch arbeitete immer wieder mit dem Ausstatter Johannes Schütz.
Dazu schrieb eine Kritikerin: "Die Bühnenbilder, die Johannes Schütz
für Gosch entwirft, sind karge, geschlossene Kästen, aus denen es
kein Entrinnen und in denen es keine Kuschelecken für alte
Sehgewohnheiten gibt." Anfang Mai erhielten Gosch und Bühnenbildner
Johannes Schütz (59) den "Theaterpreis Berlin", da - laut Jury -
beide Künstler in jahrelanger Zusammenarbeit konsequent für ein
"Theater der Wahrhaftigkeit" arbeiteten. Beim heurigen Theatertreffen
Berlin waren zwei Arbeiten Goschs zu sehen, seine Inszenierung von
Anton Tschechows "Die Möwe" am Deutschen Theater Berlin und "Hier und
jetzt" von Roland Schimmelpfennig am Schauspielhaus Zürich.
Kein Einlullen.
Das Entscheidende an Goschs Theaterarbeit: Er lullte das Publikum
nie mit schicken Nettigkeiten ein, verlangte mitdenkende Zuschauer,
bediente keine Erwartungen. Damit blieb er, allem Für und Wider zum
Trotz, sich selbst treu. Das Typische seiner Arbeit benannte er
einmal kurz und bündig so: "Ich möchte, dass die Leute mit Gewinn aus
dem Theater gehen, Gewinn an Gedanken und Gefühlen. Was nicht immer
Zustimmung heißen muss. Meinungsstreit um das Gesehene kann doch sehr
anregend sein."










