Die Angst vor Geschichten
Nicolas Stemann verkürzt Friedrich Schillers "Räuber" bei den Salzburger Festspielen auf einen Wort-Rap für gemischtes Ensemble. Das hilft weder dem Text noch dem Drama.
Schon immer habe er davon geträumt, "einen klassischen Text in Form eines Wortkonzerts auf die Bühne zu bringen", sagt der deutsche Regisseur Nicolas Stemann im Programmheft der Produktion des Hamburger Thalia-Theaters. Auf der Pernerinsel in Hallein hat er seinen Traum am Drama "Die Räuber" "nach Friedrich Schiller" verwirklicht. Das Publikum ließ sich auf den "Trip", wie er das nennt, zweieinhalb Stunden lang ein und freute sich.
Schiller für Eingeweihte.
Die Bühne ist leer bis auf vier Stühle und eine Wand aus Metall-Lammellen, hinter denen sich Scheinwerfer verbergen. Am Rande das obligate Beistelltischchen mit Modellhäuschen nebst Wald, die eine Handkamera an den Hintergrund projiziert. Auch eine kleine Rockband darf nicht fehlen. Vier Männer in kurzärmeligen Pullovern teilen redlich Textteile der drei Moors untereinander auf, später kommen weitere Damen und Herren hinzu, die das Programmheft gar nicht mehr Figuren zuordnet. Wer sich auskennt, kennt sich aus.
Peinliches Beiwerk.
Die Methode ist nicht so neu, wie Stemann suggeriert, andere Regisseure haben sie längst ausprobiert. Die Hoffnung, so den Text des 20-jährigen Schülers Schiller quasi schlackenfrei präsentieren zu können, erfüllt sich aber nicht. Text, von mehreren Personen zugleich deklamiert, wird vor allem schwer verständlich. Die Bemühung Stemanns, die konstruierte Geschichte wie peinliches Beiwerk zu behandeln und nur die philosophische Frage nach der Freiheit und ihren Gefährdungen abzuhandeln, ist die Kapitulation vor den Schwächen des Werks. Was Schiller in seiner Selbstrezension des Stücks als Mangel erkannt hat, dass er nämlich die Menschen "überhüpft" und an ihrer Stelle menschliche Extreme geschaffen habe, das verstärkt Stemann noch.
"Stadttheater-Manierismus".
Stemann "überhüpft" also gleich das ganze Drama zugunsten der von ihren Figuren losgelösten Sprache, für die er endlich eine adäquate Form finden will. "Entweder verkleinere ich die Sprache, oder ich vergrößere den Menschen," beschreibt er das Problem. Stemann lehnt den populären Trick ab, so zu tun, als wäre es ganz normal, zu reden wie Schiller. Pathos pathetisch zu rezitieren, qualifiziert er als "Stadttheater-Manierismus" ab. Sein Dritter Weg aber führt nirgendwo hin. Wo das Pathos unüberwindbar wird, macht Stemanns erstklassiges Ensemble es durch Wiederholung lächerlich. Ansonsten sucht er das Heil in der Verfremdung durch wechselnde oder mehrfache Besetzung der Rollen. Mehr als ein Provisorium ist das nicht. Die Suche nach einem neuen Klassiker-Stil geht weiter.
Features
Fakten
Weitere Termine bei den Salzburger Festspielen (Pernerinsel in Hallein): 17. sowie 19. bis 24. August (Beginn: 19.30 Uhr)
Karten: Tel. (0662) 8045-500










