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Zuletzt aktualisiert: 26.12.2009 um 18:37 UhrKommentare

Tobias Moretti über seine Rollen

2009 war er Jud Süß, Faust, Opernregisseur. Jetzt kommt Tobias Moretti als Erzherzog Johann ins Fernsehen. Ein Gespräch über all das und mehr.

Moretti als Erzherzog Johann

Foto © ORF/Moretti als Erzherzog Johann

Josef von Nazareth, Adolf Hitler, Andreas Hofer und jetzt Erzherzog Johann - welche historische Figur fehlt denn noch in Ihrer Sammlung?

TOBIAS MORETTI: Ach, da gibt es doch noch viele. . .

Zum Beispiel?

MORETTI: Napoleon.

Und möchten Sie ihn spielen?

MORETTI: (lacht) Nein, eher doch nicht, meine Stirn ist nicht hoch genug dafür.

Worin liegt der besondere Reiz solche Personen zu verkörpern?

MORETTI: Dass man die wirklichen Personen hinter den Klischees kennen lernt. So ist der Erzherzog Johann entgegen seinem Image eine ganz merkwürdige Mischung aus Asket und Utopist gewesen.

Sie arbeiten als ginge es um blanke Überleben: Faust am Burgtheater, Opern-Regie im Theater an der Wien, Erzherzog Johann vor der Kamera und das alles parallel, was treibt Sie so an?

MORETTI: Na ja, direkt überschnitten hat sich kaum etwas, am ehesten die Vorbereitungsarbeiten. Aber es stimmt schon, heuer war wirklich ein dichtes Jahr mit starken psychischen Belastungen. Das kann man vorher nicht steuern, da sind halt zum einen Projekte, die einen künstlerisch herausfordern, die man unbedingt machen will und dann gibt es speziell beim Film zeitliche Unwägbarkeiten wie zum Beispiel die Finanzierungen. Aber in einem Künstlerleben muss es solche Jahre geben.

Sie gelten als Familienmensch, sagen Ihre Kinder nicht schon Onkel Tobias zu Ihnen?

MORETTI: Nein, noch nicht, aber heuer war das extrem, ich bin froh, dass wir das gemeinsam überstanden haben. Die Familie ist meine Basis, mein Rückhalt, mein Trampolin. Aber ich habe versprochen, dass es im kommenden Jahr deutlich weniger wird.

Nach Jahren allgemeinen Jubels haben Sie als Faust teilweise brutale Kritiken erhalten, wie gehen Sie damit um?

MORETTI: Indem man sie anfangs gar nicht liest. Ich habe dann aber klar reagiert, weniger auf die Kritiken als auf mein Gefühl. Wir waren bei der Premiere offenbar noch nicht wirklich fertig und haben jetzt eine ganz andere Situation: Das, was von Matthias Hartmann und mir gemeint war, kommt jetzt wirklich zu Tragen.

Womit könnte man Sie wirklich verletzen?

MORETTI: Mein Gott, verletzbar ist jeder Mensch. Wenn, wie beim Faust, man eine Produktion vorweg medial dermaßen stark verkauft, wird halt manche Erwartungshaltung nicht erfüllt, da habe ich sicherlich einiges stellvertretend für Herrn Hartmann einstecken müssen.

Welchen Stellenwert hat, da sich mehr Leute denn je selbst ein Bild machen können, professionell Kritik heute noch?

MORETTI: Bei uns weniger als im angelsächsischen Bereich, da kann die Kritik wirklich Produktionen, manchmal sogar ganze Karrieren vernichten, das ist bei uns nicht so. Es kann sogar sein, dass etwas, das schlechtgeschrieben wurde, bei Fachwelt und Publikum doch ein Erfolg wird. Ich würde aber sagen, dass wir in Österreich mit guten und meist auch fairen Kritikern gesegnet sind.

Warum arbeitet einer, der mit ein paar Sätzen vor der Kamera tausende Euros verdienen kann überhaupt noch in der vergleichsweise mühsamen Sparte Theater?

MORETTI: Weil das mein Beruf ist

und weil meine Auffassung dieses Berufes eben all das umfasst, was ich mache.

Der österreichische Film feiert derzeit weltweit Erfolge, und das ohne Tobias Moretti, warum?

MORETTI: Ha! Richtige Frage zur falschen Zeit: Schauen Sie sich "Jud Süß" an, den ich vor kurzem abgedreht habe, dann reden wir noch einmal darüber.

Sie haben sich des Öfteren politisch positioniert, wie beurteilen Sie die derzeitige Regierung?

MORETTI: Ich habe mich in den letzten Monaten nicht genug damit beschäftigt, um mich dazu kompetent äußern zu können, das wird sich allerdings wieder ändern. Nur die Katastrophe des Klima-Gipfels ist mir sehr bewusst geworden.

Mit welchem österreichischen Politiker würden Sie freiwillig zu Abend essen?

MORETTI: Die treffe ich ohnehin alle bei der Kleine Zeitung-Weinkost am Pogusch. Ob man aus den dortigen Erfahrungen Rückschlüsse ziehen kann, ist aber eine Frage der Promille.

Und mit welchem um kein Geld der Welt?

MORETTI: Den kennen wir alle.

An welchen Vorhaben arbeiten Sie derzeit?

MORETTI: An gar keinen.

Gar keinen? Das glauben wir nicht!

MORETTI: Es gibt Filmpläne mit Wolfgang Murnberger, mehr nicht. Im Moment möchte ich, dass sich mein Puls beruhigt und auf den Äquator des Seins zurückkehrt

Angenommen, Sie träfen Gott, was würden Sie ihn fragen?

MORETTI: Wie geht´s Ihnen denn so? Hat es sich ausgezahlt mit der Menschheit?

INTERVIEW: FRIDO HÜTTER


Zur Person

Tobias Moretti, geboren am 11. Juli 1959 in Gries/Brenner.

Studien: Komposition und Schauspiel.

Theaterstart: Münchner Kammerspiele.

TV&Film: Piefke Saga, Kommissar Rex, Speer & Er etc.

Preise: Sechs Romys, Deutscher Filmpreis, Grimme-Preis, Eysoldt-Ring.

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