Von Kitsch und Schrott
Dichtes Feld beim Wettlesen: In Klagenfurt wird am Sonntag der Bachmann-Preis vergeben. Und es wird spannend, denn ein klarer Favorit ist heuer nicht auszumachen.

Foto © KLZ/Peutz
Was die Bachmann-Preis-Vergabe in meinen Augen einzigartig macht, ist die Tatsache, dass hier der ganze viertägige Prozess der Entscheidungsfindung öffentlich überprüfbar ist, bis hin zur Abstimmung am Schluss: Man kann zuschauen, wer für wen stimmt", sagte Neo-Jurorin Corina Caduff im Vorfeld des Wettlesens zur "Berner Zeitung". Am Sonntag wird dieses Zuschauen besonders spannend: Kein Text wurde von der siebenköpfigen Jury unter Vorsitz von Burkhard Spinnen vernichtet, kein Text uneingeschränkt hochgelobt. Zu den Favoriten zählen Olga Martynova - sie könnte die erste russische Preisträgerin beim Bachmann-Wettbewerb sein - sowie Lisa Kränzler, Andreas Stichmann, Inger-Maria Mahlke und Matthias Nawrat.
Dritter Lesetag
Nicht ganz rund lief es für die Österreicher. Am gestrigen letzten Lesetag waren mit Leopold Federmair und Isabella Feimer gleich zwei am Start. Federmair, der mit seiner Familie in Hiroshima lebt, wurde bekanntlich vor einer Woche mit dem "Translatio" (Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzung) ausgezeichnet. Am Samstag stellte der 54-Jährige sich mit dem Text "Aki" den Juroren, die seine "Pubertätsgeschichte aus Frauenperspektive" (Meike Feßmann) kontroversiell besprachen. Federmair, der während der Diskussion über seinen Text Jury und Publikum fotografierte, hat übrigens zwei neue Bücher im Gepäck: Sein Prosaband "Die Ufer des Flusses" ist dieser Tage im Otto-Müller-Verlag erschienen, im August folgt mit "Die Apfelbäume von Chaville" (Jung und Jung) seine Annäherung an Peter Handke, den er wiederholt in Paris besucht hat.
Einiges an Kritik gab es auch für den Text "Abgetrennt" der gebürtigen Mödlingerin Isabella Feimer, die die Geschichte eines Abschieds erzählt. Kindheitserinnerungen inklusive. Der "Kitsch"-Vorwurf der Jury traf sie nicht besonders hart: "Damit habe ich gerechnet", erzählt sie nach der Lesung, zu der sie mit einem ganz besonderen Glücksbringer angetreten war: Die Designerin Anita Steinwidder hat für sie ein Kleid aus schwarzen Industriesocken entworfen.
Schrottsammeln
Die geglückteste Geschichte des gestrigen Tages kam vom gebürtigen Polen Matthias Nawrat, der von einer "merkwürdigen Familie" (Daniela Strigl) erzählt, die vom Schrottsammeln lebt - und zwar aus der Perspektive der pubertierenden Tochter. Aus dem Rahmen fiel Matthias Senkels witzige Literaturbetriebssatire. Ob es dafür einen Preis gibt, wird sich am Sonntag ab 11 Uhr zeigen.
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Preisverleihung: Sonntag 11 Uhr im Klagenfurt ORF-Theater. 3sat überträgt live.
Alle Texte und Videos unter bachmannpreis.eu


















