Maja Haderlap: Der Tod und das Mädchen
Maja Haderlap (50) erzählt in ihrem wichtigen und sehr persönlichen Roman "Engel des Vergessens" von den Verwerfungen der Kärntner Geschichte.
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Es gibt Bücher, die folgen einem bis in die Träume. Die Geschichten, die Figuren, deren Erleben, deren Überleben, deren Sterben. So ein Buch ist Maja Haderlaps "Engel des Vergessens". Die Kärntner Slowenin, die Anfang Juli für einen Ausschnitt aus dem autobiografischen Roman mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist, spürt in ihrem ungemein dichten Roman einer Kindheit inmitten der Verwerfungen der Kärntner Geschichte nach.
Es beginnt nahezu idyllisch mit der geliebten Großmutter, die "mein Kindheitsstock ist, an dem ich mich festhalte". Die Ich-Erzählerin folgt ihr durch die schwarze Küche in die Speisekammer, wo die bittersüße Apfelmarmelade steht. Zwischen den Seiten riecht es nach Erde, Rauch und gesäuerter Luft.
Aber bald tauchen inmitten der Schilderungen der alltäglichen Verrichtungen erste Brüche auf, Ravensbrück wird erwähnt, jenes KZ, das die Großmutter fast nicht überlebt hätte und aus dem sie einen Löffel mitbrachte, der sie ein Leben lang begleitete. Das Lagerbuch der Großmutter hat die Ich-Erzählerin als Kind oft in den Händen gehalten: drei kleine Seiten für eineinhalb Jahre KZ, weil für das Grauen die Worte fehlen. Auch später wird die Großmutter für das Geschehen immer die Bezeichnung "udno" (seltsam) verwenden, weil ihr "grozno" (schrecklich) nicht einfällt. Aber erzählen wird sie.
Geisterprozessionen
Wie überhaupt die Erzählungen von den Schrecken wie Bannformeln immer wieder die Gespräche dominieren. Kein Wunder: Kein Hof in den Gräben, wo nicht jemand während des Zweiten Weltkriegs gefoltert, verschleppt oder ermordet worden ist. In den Tälern Südkärntens war der Krieg direkt vor der Haustür oder zumindest gleich im Wald dahinter. Wie Geisterprozessionen ziehen die Ermordeten durch die Erzählungen der Überlebenden, die nicht zur Ruhe kommen. Wie der Vater: Als Zehnjähriger wird er von der NS-Polizei gefoltert, eine Woche später seine Mutter verhaftet. Er geht zu den Partisanen, überlebt. Aber der Tod hat sich in ihm eingenistet, seine posttraumatischen Störungen äußern sich in Selbstmorddrohungen, Wutausbrüchen und Alkoholmissbrauch.
Maja Haderlap hat ein sehr persönliches Buch von hoher poetischer Kraft geschrieben, das in schönen Sprachbildern (hier wird die Lyrikerin sichtbar) ein Zeugnis davon ablegt, wie die Geschichte und die Geschichten in den Nachkommenden weiterwirken. Gleichzeitig zeigt sie mit großer erzählerischer Wucht, was es heißt, wenn die eigene Sprache und die eigene Kultur existenziell bedroht wird. Und sie führt eindringlich vor Augen, dass die (katholischen) Kärntner Partisanen im Gegensatz zu ihren (kommunistischen) jugoslawischen Kollegen vor allem um ihr Überleben gekämpft haben. So wird ihr gescheiter Roman auch ein wichtiges Zeitdokument gegen das Vergessen.














