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    Zuletzt aktualisiert: 11.07.2011 um 21:15 UhrKommentare

    Vom Aufbruch über Grenzen und in die Südkärntner Wälder

    Maja Haderlap gewann den Bachmann-Preis. Hier ein Auszug aus dem Roman "Engel des Vergessens" über eine Kindheit in Südkärnten und die Wunden der Vergangenheit.

    Ohne Hast, ohne Hass: Die Kärntner Slowenin Maja Haderlap erzählt in "Engel des Vergessens" Geschichten, die lange in ihr reiften

    Foto © Reuters/Herwig PrammerOhne Hast, ohne Hass: Die Kärntner Slowenin Maja Haderlap erzählt in "Engel des Vergessens" Geschichten, die lange in ihr reiften

    In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen. Man habe im Wald geschlafen, gekocht und gegessen, nicht nur in Friedenszeiten, auch im Krieg seien Männer und Frauen in den Wald gegangen. Nicht in den eigenen Wald, nein, dafür sei er zu schütter, zu klein und zu überschaubar gewesen. In die großen Wälder seien sie aufgebrochen. Die Wälder seien der Zufluchtsort vieler Menschen gewesen, eine Hölle, in der Wild gejagt worden sei und in der sie gejagt wurden wie Wild.

    Die Erzählungen kreisen um den Wald, wie auch der Wald um unseren Hof kreist.

    In ihm verborgen die Jagdplätze, die Futterplätze, die Beerenplätze, die Pilzplätze, die man nicht preisgibt. Noch heimlicher sind die heimlichsten Orte, zu denen kein Weg und kein Steig führen, die über Jagdpfade und Bachbette aufgespürt werden müssen, die Versteck- und Überlebensplätze, die Bunker, in denen sich unsere Leute, wie man sagt, versteckt hielten.

    (...)

    Wo ist eigentlich die Grenze, frage ich Vater.

    Da oben, sagt er und zeigt auf den Grat, der im Halbrund das Tal abschließt.

    Ich möchte einmal mit dir zur Arbeit gehen, sage ich.

    Vater ist von meiner Bitte so überrascht, dass er mir verspricht, mich am nächsten Tag in den Schlag mitzunehmen, er müsse sowieso noch Werkzeug hinauftragen.

    In der Früh steht sein Motorrad vor dem Stall, eine Puch-Maschine mit dunkel glänzendem Tank, der aussieht wie der Rumpf eines schwarzen Delphins. Vater bindet den prall gefüllten Rucksack mit Werkzeug und einen Kanister mit Benzin auf dem Gepäckträger fest. Ich setze mich auf den Hintersitz und lege vorsichtig die Arme um seine Körpermitte. Er sagt, ich solle mich fest an ihn drücken, damit ich während der Fahrt nicht vom Motorrad falle. In der ersten Kurve ruft er, du wackelst, halte dich fest, sonst kommen wir ins Schleudern. Nach anfänglicher Angst, die mich überkommt, wenn Vater abbremst und in eine Kurve fährt, lasse ich mich auf den Geraden von seinen Beschleunigungen mitreißen.

    Hinter dem Mozgan-Hof stellt er das Motorrad ab, schiebt ein paar Eisenklammern hinter seinen Hosengürtel und schultert den Rucksack. Wir beginnen langsam zu gehen. Das Benzin im Kanister blubbert. Im steilen Gelände muss man spazieren, sonst kommt man außer Atem, sagt Vater. Dann beschleunigt er seine Schritte. Ich bleibe zurück und nehme auf ebenen Wegabschnitten Anlauf, um ihn einzuholen. Bist du im Krieg hier gewesen, frage ich.

    Ja, wir hatten höher oben einen Bunker, sagt er. Dein Großvater hat den Kurierposten geleitet. Ich habe gekocht. Es war sehr gefährlich.

    Hast du Angst gehabt, frage ich.

    Wird schon so gewesen sein, ich war ja noch ein Kind, ein paar Jahre älter als du.

    Hinter unseren Rücken hört man ein aufgescheuchtes Wild flüchten.

    Es hat uns in die Nase bekommen, sagt Vater.

    Unter dem Waldkamm, zwischen mächtigen Fichten, deren dichte Äste fast bis zum Boden reichen, kommt eine Hütte zum Vorschein. Sie ist zur Gänze mit Rinden bedeckt, die Schicht für Schicht auf ein darunterstehendes Holzgerüst genagelt wurden. Hier haben wir früher geschlafen, sagt Vater, wenn wir Holz geschlägert haben. Er schließt das Schloss auf und verstaut Werkzeug und Kanister neben den unbenutzten Pritschen.

    Ich muss noch zum Schlag, sagt er, dann können wir über die Grenze gehen.

    Sein Arbeitsplatz wirkt aufgeräumt und ist von Aststapeln markiert. Geschälte und ungeschälte Bloche liegen gegliedert am Boden, mit Aststummeln oder geputzt, wie Vater sagt, dazwischen duftende, durchwühlte Häuflein Sägespäne. Die Bloche haben abgeschrägte Randkanten, die Schnittstellen der Stämme leuchten wie frisch geschnitzte Holzteller.

    Vater steht mitten in der Lichtung und überblickt den Schlag, dann sammelt er die verstreuten Spaltkeile ein und deckt sie mit Ästen zu. Jetzt freue ich mich auf ein Bier, sagt er und zeigt Richtung Grenze.

    Zu meiner Verwunderung verläuft die Staatsgrenze nahe am Holzschlag. Vom Waldkamm aus kann ich die jugoslawische Seite des Waldhangs überblicken, die zu meinem Erstaunen der österreichischen gleicht und sich als eine Fortführung der vertrauten Landschaft offenbart. Vater stützt sich beim Überspringen der Grenze auf einen Zaunpfahl. Mich lässt er unter dem Stacheldraht durchkriechen und zieht den untersten Draht hoch, damit ich nicht an den gezwirbelten Stacheln hängen bleibe.

    Plötzlich hat er es wieder eilig. Er hastet mit großen Schritten einen lichten Wald hinunter. Ich kann ihm kaum folgen. Waldfarne schlagen in mein Gesicht. Unter dem Wald wartet er auf mich. Er sitzt im Gras und blickt auf ein tiefer gelegenes Tal, das ganz in der Senke verschwunden scheint.

    Dort hinter der Raduha, Vater zeigt auf einen Bergrücken, dort habe ich im Krieg die Schule besucht. Nicht lange. Vierzehn Tage werden es gewesen sein. Da bin ich in die Schule gegangen, in Luce, sagt er. Sein Bruder und er seien beim Stab der Kuriere gewesen, auf einem Bauernhof. Nach ihrer Flucht von zu Hause durften sie nur zwei Wochen bei ihrem Vater im Bunker bleiben. Dann habe man sie ins Savinja-Tal gebracht, weil das Savinja-Tal befreites Gebiet gewesen ist. Im Januar habe man die Kommandozentrale auflassen müssen, weil das Tal von den Deutschen angegriffen wurde. Die Deutschen haben über das Feld geschossen, dass die Erde nur so gespritzt hat, sagt Vater. Er und die Kuriere haben Schreibmaschinen im Boden vergraben. Sie hoben ein Loch aus, warfen ein bisschen Stroh hinein und haben die Schreibmaschinen darauf geschichtet. Dann streuten sie wieder Stroh darüber und dann Erde und Gras und Schnee, bis nichts mehr zu sehen war. Am Nachmittag hätten sie sich auf den Weg gemacht und seien die ganze Nacht durch marschiert. Am nächsten Tag haben die Deutschen uns weiter gejagt, sagt Vater. Der Schnee ging mir bis zu den Hüften. Ein Kommandant hat gemeint, dass ich nicht durchkommen werde.

    Er spuckt kräftig aus, als ob er sich nach der Erzählung erleichtern müsste.

    Beim Kumer werden wir von zwei Frauen begrüßt, die seinen Namen kennen. Zdravko, rufen sie, Zdravko, das ist schön, dass du wieder einmal kommst! Sie servieren Vater ein Bier und mir ein Brot mit Leberpastete bestrichen.


    Buch und Verlag

    Engel des Vergessens von Maja Haderlap erscheint im Wallstein-Verlag (Preis: 19,50 Euro). Sie hat sich damit für einen Verlag entschieden, der seine Autoren sehr engagiert begleitet. Am 21. Juli beginnt die Lesetour der Bachmann-Preisträgerin im Wiener Museumsquartier.

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