Siegen, würgen und Dampf ablassen
Notizen von der Eröffnung der 34. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt: ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz ließ Dampf ab, Juror Marcel Reich-Ranicki setzte sich mit seiner Meinung nicht in der Jury durch.

Foto © KLZ/Werner Koscher
Zeitgleich mit Deutschland gegen Ghana liefen Mittwochabend im ORF-Theater die Literaten, die Kritiker und die Schaulustigen ein. Die Klagenfurter Rede zur Literatur hielt diesmal die Bachmann-Preisträgerin 1998, Sibylle Lewitscharoff. Die 56-jährige Deutsche sprach "Über die Niederlage" und näherte sich über "zwei Spezialisten der Niederlage" (Hiob und Jesus) den "naturgemäß" bescheidenen Klagenfurter Niederlagen.
Über das Würgen nachdenken
Lacher provozierte Lewitscharoff mit ihrer Vision eines Literaturwettbewerbs: zehn Teilnehmer, der Sieger wird gekürt, die anderen erwürgt. Die Jury ginge demnach über Leichen. Schlau gemacht, wenn auch nicht von jener explosiven Wirkung, wie die politisch brisante Klagenfurter Rede von Josef Winkler im Vorjahr. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen versprach der Festrednerin jedenfalls: "Ich werde über das Würgen nachdenken."
Als Teilnehmer für nächstes Jahr hat sich für Spinnen der ORF-Programmdirektor empfohlen. Wolfgang Lorenz entschlug sich der gewünschten Grußworte mit einem brillanten Dampfablassen. Er wetterte gegen den "weitverbreiteten Irrtum, dass Eliten und Demokratie unverschraubbar" seien, und nannte als Folge eine ohne Eliten dahinfrettende Demokratie. Pech für Lorenz, dass es im ORF kaum Elitäres zu demokratisch verträglicher Sendezeit gibt.
Für 3sat, das die Lesungen wiederum live überträgt, wünschte Hubert Nowak "heiße Tage für Klagenfurt", damit man nicht von den Liegestühlen mit Bachmann-Zitaten auf Regenschirme umsatteln muss. Nowaks Vorgängerin Margit Czöppan saß aus privatem Interesse im Publikum, ebenso wie die von ORF-Landesdirektor Willy Haslitzer als "Grande Dame der Politik" begrüßte Freda Meissner-Blau.
Verschlafen
Vor Beginn des Literaturspektakels abreisen musste Walter Müller. Der Autor, von dem heuer zwei Einakter bei den Komödienspielen Porcia uraufgeführt werden, sprang vor 31 Jahren für einen DDR-Kollegen beim Wettlesen ein. "In der Nacht schrieb ich meinen Text, fuhr nach Klagenfurt und war so geschafft, dass ich die Auslosung verschlafen habe", erinnert sich Müller. Lesen durfte er trotzdem. Und verließ den Bewerb mit einem Förderungspreis.
Eine Niederlage erlebte in dem Fall Juror Marcel Reich-Ranicki: Er fand nicht gut, dass Müller seinen Großvater namens Franz Kafka in die Erzählung eingebaut hat. Walter Jens war gegenteiliger Meinung und setzte sich damit in der Jury durch.












