Ein volles Haus mit wenig Sex und Humor
Geschulte Autoren, routinierte Kritiker: Am Donnerstag startete im Klagenfurter ORF-Theater das Wettlesen um den Bachmann-Preis. Die Österreicher Ballhausen und Kleindienst steigen am Freitag in den Ring.

Foto © KLZ/Werner KoscherWarten auf den Einsatz: Andreas Isenschmid (rechts) moderiert vom Salettl aus für 3sat
Donnerstag. Werktag. Aber wer am Donnerstag zehn Minuten vor Beginn des Klagenfurter Wettlesens im ORF-Theater noch einen Platz finden wollte, musste sich mit einer Stehpartie zufrieden geben. Einer Schulklasse verfolgte mangels Platz den ersten Teil via Bildschirm am Gang mit. Viele flüchteten ohnehin bald vor die Bildschirme im Café oder in den Garten, wo jeder Text und jede Jury-Meldung sofort eifrig diskutiert werden.
Im 34. Jahr ist "Klagenfurt sucht den Lesestar" für alle Literaturfans noch immer ein Muss. Und die beste Gelegenheit, um neue Autoren und Trends kennenzulernen oder die Jury dabei zu beobachten, mit "welchem kritischen Besteck sie ordiniert" (so Ex-Bachmann-Juror und 3sat-Moderator Andreas Isenschmid).
Dieses Besteck brachte sie bei der letzten Lesung des gestrigen Tages so richtig in Einsatz: Die erst 24-jährige Schweizerin Dorothee Elmiger las einen Auszug aus ihrem Roman "Einladung an die Waghalsigen", der im August bei DuMont erscheinen wird. Und ihr kunstfertiger Text wurde von den meisten Juroren als "originell" und "clever" gelobt, auch wenn Alain Claude Sulzer zugab: Ich bin froh, dass man mir den Text erklärt hat, ich konnte damit überhaupt nichts anfangen." Von solchen Divergenzen lebt das Wettlesen am Wörthersee, bei dem die Juroren die heimlichen Stars sind. Unter ihnen findet sich mit Hubert Winkels nur ein neues Gesicht, das in Klagenfurt eigentlich ein altbekanntes ist: 15 Mal war der Literaturredakteur des Deutschlandfunks in Köln bereits beim Bewerb mit dabei, eine mögliche Erklärung dafür, warum der routinierte Kritiker agierte, als wäre er schon seit vielen Jahren Mitglied der Jury.
Verhalten
Diese startete verhalten in den ersten Lesetag bei einem Text, der vielleicht unter Wert gehandelt wurde: Die Deutsche Sabrina Janesch erzählt in einem Auszug aus ihrem Roman "Katzenberge" von der Aussiedelung der Ukrainer 1945 nach Schlesien auf verlassene deutsche Bauernhöfe. Zu wenig "beunruhigend", fand die österreichische Jurorin Karin Fleischanderl, "überinstrumentiert" meinte Meike Feßmann. Der Roman erscheint übrigens im Juli im Aufbau Verlag.
Zwei junge Autorinnen, die ihr Debüt beim Klagenfurter Wettlesen "promoten" wollen und sie haben noch eine Gemeinsamkeit: Beide sind an Literaturinstituten geschult worden, Elmiger in der Schweiz sowie in Leipzig und Janesch am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim. Ein Trend, den es seit Jahren gibt und der am Donnerstag einen Höhepunkt erreichte, denn alle fünf Autoren, die in die Bachmann-Arena gestiegen sind, sind durch die Mühlen einer solchen Schreibschule gegangen. Was vielleicht erklärt, warum die ganz schlechten Texte in Klagenfurt kaum mehr zu finden sind.
Romanauszüge
Dafür am Donnerstag gleich fünf Auszüge aus Romanen: Auch die beiden Deutschen Volker H. Altwasser und Christopher Kloeble sowie der Schweizer Daniel Mezger gaben Einblicke in kommende Romane - alle drei wurden kontroversiell diskutiert. Die ganz neue, einzigartige Stimme, nach der jedes Jahr (und immer wieder auch vergebens) geschürft wird, war donnerstags noch nicht dabei, für einen Preis empfahl sich jedenfalls Dorothee Elmiger.
Dafür, "Wie man den Bachmannpreis gewinnt" (Heyne Verlag), gibt es mittlerweile sogar eine Gebrauchsanweisung. Die deutsche Juristin Angela Leinen, die zum fünften Mal das Geschehen vor Ort beobachtet, hat für ihren Ratgeber "zahlreiche Texte von Bachmann-Preisträgern analysiert", wie sie erzählt. Einige Erkenntnisse: "Sex ist immer schwierig, aber Humor kommt in Klagenfurt ganz gut an, wie zum Beispiel Kathrin Passig 2006 bewies", so Leinen.
Sex war am Donnerstag in Klagenfurt ein Tabu, gelacht wurde allerdings auch wenig. Ob sich das am Freitag ändert, wird sich ab 10 Uhr zeigen. Da steigen mit Thomas Ballhausen und Josef Kleindienst auch die ersten beiden Österreicher in die Klagenfurter Arena.
Features
Freitag beim Wettlesen
Lesereihenfolge: 10 Uhr der Wiener Thomas Ballhausen, 11 Uhr Max Scharnigg (D), 12 Uhr Aleks Scholz (D), 13 Uhr Judith Zander (D), 14 Uhr der Kärntner Josef Kleindienst
Ort: Klagenfurter ORF-Theater
3sat überträgt live
bachmannpreis.orf.at














