Erlesenes Europa im Stift St. Paul
Noch bis 8. November kann man im Stift St. Paul in jene Welt eintauchen, die die "Macht des Wortes" demonstriert. Eine Fülle von Details machen die Europaausstellung zum besonderen Erlebnis.

Foto © KK/Stift St. Paul
"Angesichts der österreichischen Ausstellungslandschaft sind wir mit unseren Besuchern sehr zufrieden." Pater Gerfried Sitar, Direktor der Kunstsammlungen des Stiftes St. Paul im Lavanttal, zieht eine erste, positive Bilanz der Europaausstellung "Macht des Wortes", für die im Benediktinerstift die größten Um- und Ausbaumaßnahmen der letzten Jahrhunderte gesetzt wurden. "Alle Aufträge wurden an Firmen in der Region vergeben, für welche das zweifellos eine wirtschaftliche Spritze bedeutet. Und selbst jetzt sind im Rahmen der Schau an Personal noch durchgehend 40 Menschen beschäftigt", sagt der Benediktiner, der sich über ausgezeichnete Rückmeldungen aus ganz Europa und aus den USA freut.
Bildung & Entspannung
St. Paul ist mit dieser Ausstellung (auch) ein Ort des Relaxens geworden. Im ehemaligen Switbert Lobisser-Haus, heute Gartenstöckl Belvedere genannt, lädt ein Café zum Verweilen, der neu gestaltete Barockgarten ist eine Oase der Erholung. Im Stift, das die Ausstellung beherbergt, können Besucher 100.000 Bände der Bibliothek erstmals in stimmigen Kellerräumen bestaunen. Die Inhalte der Bände, die aneinander gereiht eine Regallänge von einem Kilometer umfassen würden, sind so vielfältig, wie man sie in einem Kloster kaum erwartet: Kunst- und Naturhistorisches ist zu finden, Herodot und Seneca verweilen in guter Gesellschaft von Goethe und Schiller und selbst die Alt-Wiener Volksbühnen haben Eingang gefunden in jene Welt, die die Macht des Wortes dokumentiert.
Wer aber vermeint, ausschließlich Schriften vom 4. bis zum 19. Jahrhundert zu sehen, der irrt. Passend zur Vita des Heiligen Hieronymus, zu Texten von und über Augustinus oder Ambrosius und natürlich zu Dokumenten über Benedikt von Nursia vermitteln bildliche Darstellungen einen Eindruck von Aussehen, Kleidung und Lebensführung dieser bedeutenden Männer. Auch der Habit der Benediktiner eröffnet dem Betrachter beim Studieren der Erklärungen eine ganz neue Sichtweise. Die aufgesetzte Kapuze galt zum Beispiel als Zeichen der Meditation und demonstrierte dem Außenstehenden, dass der Mönch nicht gestört werden wollte.
Es gibt eine solche Fülle von überraschenden Details, dass es nicht verwundert, dass etliche Gäste bereits zwei-, dreimal den Weg nach St. Paul gefunden haben. Es lohnt sich, denn manches Kuriosum prägt sich einem erst auf den zweiten Blick ein und demonstriert bei dieser Entwicklungsgeschichte europäischen – und schwerpunktmäßig natürlich benediktinischen – Mönchstums allerhand Kurzweiliges. So etwa ist in einem Schulheft aus Reichenau am Bodensee ein Gedicht verewigt, das ein irischer Ordensbruder für seinen Kater verfasste – übrigens im heute fast in Vergessenheit gerateten Gälisch. Ein liturgischer Sammelband aus dem 11. Jahrhundert, enthält im letzten seiner fünf Teile ein Rezept gegen "defectum oculorum", was man heute aus dem Lateinischen mit "Gebrechen oder Defekt der Augen" übersetzen wird, und zeigt so nebenbei, dass Klöster von altersher nicht nur eine Stätte der Schreib- und Lesekunst, sondern auch der Heilkunst waren.
Gepilgert wird nicht erst heute, gepilgert wurde schon immer. Und da war es sinnvoll, wenn man Besteck im Gepäck hatte, wie Pilgerlöffel, die man an Ketten am Gewand befestigte, zeigen. Aus dem 17. Jahrhundert erhalten ist wiederum ein Pilgerlöffel, der einen kunstvoll und reich verzierten Griff aus kostbarem Material aufweist. Eine Pilgermuschel aus dem 16. Jahrhundert, aus Perlmutt gearbeitet, beweist, dass die heute so begehrte Jakobsmuschel der Wallfahrer auf dem Jakobsweg schon früher eine wichtige Rolle spielte.
Kärntner Rarität
Für Kärnten war die Gotik die prägende Kulturepoche. Daher wird das Hölleiner Kruzifix, das 1180 aus Holz gefertigt wurde, besonderes Interesse erregen. Christus hängt hier mit nebeneinander liegenden Beinen am Kreuz. Gemartert von vier Nägeln – zwei an den Handflächen, zwei an den Füßen. Dieser Vier-Nagel-Typus ist zwar kennzeichnend für die Romanik, in Kärnten aber durchaus rar. Insgesamt werden im Stift St. Paul drei Kruzifixe mit diesem Vier-Nagel-Typus ausgestellt, der ab der Gotik vom Drei-Nagel-Typus abgelöst wurde. Bei den späteren Darstellungen sind die Beine des Gekreuzigten nämlich übereinander geschlagen – auch dies ist in der Schau mehrfach zu erkennen.
Bis 8. November hat man noch die Möglichkeit, dieses erlesene Europa in St. Paul zu bewundern. Wer es versäumt, muss 2011 nach Thalheim in Nordrhein-Westfalen fahren. "Dort wird gerade ein bereits aufgelassenes Kloster der Augustiner Chorherren ausgebaut. Es wird dann die Schau aus St. Paul beinhalten", erzählt Pater Gerfried Sitar. Bei den Augustiner Chorherren sind die Benediktiner übrigens bestens aufgehoben, tat sich doch auch diese Ordensgemeinschaft durch ihre Kunstsinnigkeit hervor.
Kooperation mit Prag
Interesse an der "Macht des Wortes" hat inzwischen auch Prag angemeldet. Dort plant man für das Jahr 2012 ebenfalls eine Ausstellung, die die Entwicklung des Mönchstums in Europa zum Inhalt hat und den Fokus nicht auf die Benediktiner legt, sondern alle großen Orden umfasst. "Hier findet eine Kooperation statt", verrät Pater Gerfried Sitar. Die Prager übernehmen von den St. Paulern das Konzept und binden den großartigen Katalog mit ein. Vorher gilt: Nicht abwarten, sondern einen Ausflug nach St. Paul unternehmen.
Features
Fotoserie
Ausstellungen
Die Ausstellung "Macht des Wortes" im Stift St. Paul im Lavanttal ist noch bis 8. November täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Parallel dazu läuft die Schau "Macht des Bildes" im Werner-Berg-Museum in Bleiburg.















