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Zuletzt aktualisiert: 26.04.2009 um 05:25 UhrKommentare

Erlösendes Lachen in der zauberhaften Abtei

Heute wird im Stift St. Paul die Europaausstellung eröffnet: Einzigartige Schriften und Kunstschätze zeugen in dieser internationalen Megaschau von der "Macht des Wortes".

In seinem Roman "Der Name der Rose" erzählt Umberto Eco vom Kampf des Christentums gegen das Lachen: Der greise Mönch Jorge versteckt das "Buch der Komödie" in seiner Bibliothek und schreckt in seinem Ringen um Ernsthaftigkeit auch vor Mord nicht zurück.

Kostbarkeiten. Historischer Ausgangspunkt für Ecos Krimi ist das verloren gegangene zweite Buch der "Poetik" des Aristoteles, worin der griechische Philosoph das Lachen als Kunst und Erlösung geschildert haben soll. Eine mittelalterliche Abschrift des einst so umstrittenen Werkes verbarg sich bis vor Kurzem in den Katakomben von Stift St. Paul. Für die Europaausstellung wurde sie erstmals ans Licht der Öffentlichkeit geholt. Frei nach dem Motto: Es darf wieder gelacht werden im schönen Lavanttal. Und wohl auch wieder gezaubert. Kaum ein Dokument führt die "Macht des Wortes" so eindrücklich vor Augen wie Wodans "Ben zi bena, bluot zi bluoda" ("Knochen zu Knochen, Blut zu Blut" etc.) aus den Merseburger Zaubersprüchen. Was als magische Formel einem kranken Pferd wieder auf die Beine helfen sollte, stand ebenfalls auf dem Index der verbotenen Bücher.

Leihgaben. In St. Paul ist das herausragende Zeugnis althochdeutscher Sprache zum ersten Mal außerhalb der Merseburger Dombibliothek zu bestaunen - als wohl bekanntester Hokuspokus heidnischer Germanen. Sieht man von solch sensationellen Leihgaben ab, so stammt das Gros der gezeigten Bücher aus der klostereigenen Bibliothek, die mit 180.000 Werken, darunter rund 4000 Handschriften, europaweit zu den bedeutendsten ihrer Art zählt. Der Bogen der bibliophilen Kostbarkeiten spannt sich vom "ältesten Manuskript außerhalb des Vatikans", ein aus dem frühen 5. Jahrhundert stammender Ambrosius-Codex, über die älteste Straßenkarte der Welt oder ein Gutenberg-Missale bis hin zu Originalpartituren von Mozart, Haydn und Beethoven.

Revolutionäre Schrift. Auch eine revolutionäre Schrift aus dem Jahr 1435, in der bereits die Erdumlaufbahn um die Sonne berechnet ist, oder das älteste Dokument in gälischer Sprache befinden sich im Besitz der Abtei. Die erstmalige Zurschaustellung besagten Gedichts dürfte zu einem regelrechten Ansturm irischer Kulturtouristen führen. Vor der Begegnung mit diesen herausragenden Kulturschätzen können sich die Besucher in der Kellerwelt des 900-jährigen Stiftes auf die vielfältigen Aspekte geistlichen Lebens einstimmen lassen: Während sie im Skriptorium das Entstehen kostbarer Handschriften mitverfolgen können, erfahren sie im Planetarium - berieselt von Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra" - hautnah den Sternenhimmel des Galileo Galilei oder bestaunen im multimedial inszenierten "Kristalldom" das Wunder der Schöpfung. Zwischendurch kann man in einem eigenen Meditationsraum gregorianischen Chorälen lauschen.

28 Themenschwerpunkte. Insgesamt werden auf rund 5000 Quadratmetern 28 Themenschwerpunkte behandelt. Selbstverständlich geht es dabei nicht ausschließlich nur um machtvolle Worte, sondern auch um deren Auswirkungen auf Wissenschaft, Kunst und Kultur. Zu den besonderen Schätzen der Ausstellung zählen daher auch das Adelheidkreuz, Werke von Dürer, Rubens und Rembrandt, aber auch Kuriosa wie ein Reisebesteck von Maria Theresia, der kleinste Globus der Welt oder ein nachgebautes doppelsitziges Holzklo. Auf einem solchen soll laut ernst zu nehmenden Wissenschaftern Martin Luther, er ist in der Schau mit einem Autograph zur Eucharistie vertreten, seine 95 Thesen geschrieben haben. Der protestierende Augustinermönch erwähnte des öfteren, dass er an chronischer Verstopfung litt und viel Zeit am stillen Örtchen verbrachte.

Europas Pioniere. Die europäische Dimension der Ausstellung wird vor allem in der breit geschilderten Geschichte der Benediktiner anschaulich. Lange vor der EU waren es die Nachfolger des hl. Benedikt von Nursia, die den Kontinent zur kulturellen Einheit formten. Ein Pergament erinnert zum Beispiel an Guido von Arezzo, der im 11. Jahrhundert die Notenschrift erfand. Die älteste erhaltene Ordensregel, eine Leihgabe aus St. Gallen, führt wiederum die Freuden und Mühen des "Ora et labora", des "Bete und arbeite", vor Augen.

Attraktionen. Auf "rund vier Milliarden Euro" schätzt Ausstellungsmacher P. Gerfried Sitar den Gesamtwert der über vier Stockwerke verteilten Attraktionen, zu denen auch ein tagaktives und nur wenig propagiertes Schlossgespenst ("ein früherer Abt") gezählt werden darf. Am Ende des absolut kinder- und behinderten-gerechten Ausstellungsrundganges erwartet den Besucher der herrliche Hemisphärensaal sowie der aufwändig revitalisierte barocke Stiftspark. Ein Kräutergarten á la Hildegard und eine Klosterapotheke versprechen hier - als Alternative zu Wodans Zaubersprüchen - Linderung von körperlichen Beschwerden. Im Switbert Lobisser-Haus, wo der bekannte Mönch und Maler etliche Jahre in wilder Ehe verbrachte, kann man sich ab sofort auch bei Kaffee und Kuchen von der Macht des Wortes erholen.

ERWIN HIRTENFELDER

Ausstellung

Vom 26. April bis 8. Novem-ber findet die Ausstellung "Macht des Wortes - Macht des Bildes" im Stift St. Paul und in Bleiburg statt. Am Samstag um 10 Uhr wird sie von Diözesanbischof Alois Schwarz und Abt Heinrich Ferenczy mit einem Fest-gottesdienst eröffnet. Ab 11 Uhr: Festakt. Anschließ-end Führung durch die Ausstellung.

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