Sammlung vertriebener Worte
Ein einzigartiges Dokument: Die Lyrik-anthologie "In welcher Sprache träumen Sie?" braucht kein Mascherl. In der Gedenkjahrreihe 1918/1938/1968 ist sie dennoch gut platziert.
Was, wenn am Anfang nicht das Wort, sondern die Verfolgung des freien Wortes steht? Wenn eine Gedichtzeile jederzeit zum Sprengsatz werden kann und Autoren um ihr Leben fürchten müssen? Vor und während der NS-Zeit waren unter den Verfolgten in Österreich geschätzte 1200 Schriftsteller. 278 stellt die Lyrik-Anthologie in markanten Werkproben und Kurzbiografien vor.
Lyrikanthologie. Anfang und Ende des einzigartigen Dokuments (die bislang einzige Lyrikanthologie des österreichischen Exils datiert aus 1955) gibt das Alphabet vor. Die Entdeckungsreise beginnt bei Hugo Abel, der "In der Heimat" die Heimatlosigkeit beschreibt: "Im Schlafe schrien wir oft in das Dunkel/Das war unsere ganze Gemeinsamkeit". Und es endet bei Frank Zwilling und seiner "Stanze der Überlebenden": "Wir haben alles (außer uns) verloren,/selbst unsere Wiederkunft und den Empfang". Ein fast bedrückender Gleichklang.
Keine Verwirrung. Inhaltlich ist, abgesehen vom verständlichen Bestreben der Herausgeber möglichst gute Lyrik von möglichst vielen Autoren zu sammeln, die ganze Breite erfasst - vom "LaSS dich nicht verwirren" der Franzi Ascher-Nash, den Arbeiten von Karl Farkas bis zum gereimten Flugblatt, das die Ordensschwester Helene Kafka vor das Volksgericht brachte.
Nationalsozialismus. Zu erkunden ist ein weites Land, in dem die Grenzen, die der Nationalsozialismus zwischen den Gebieten der ehemaligen Donaumonarchie gezogen hat, nicht hingenommen werden. Von Galizien (Joseph Roth) über die Bukowina (Rose Ausländer, Paul Celan) in die Tschechoslowakei (Max Brod) geht die Lesereise. Bekannte Namen wie Franz Theodor Csokor, Erich Fried, Ruth Klüger oder Michael Guttenbrunner lenken nicht ab von selten oder zuvor nie gehörten.
"Außen zu stehen (und gestellt zu sein), schärft den Blick", wird Theodor Kramer zitiert. Lesend erobert man hier, Seite für Seite, wichtige neue Perspektiven.














