Nestroy-Preis-Gala mit Mutproben und Überraschungen
Ein fast denkwürdiger Abend wegen Menschen höchst unterschiedlichen Temperaments bei der Verleihung des "Nestroy"-Theaterpreises am Samstag in Wien.

Foto © APA/ORFDie 83-jährige Hilde Sochor wird für ihr Lebenswerk geehrt
Es hatte zunächst den Anschein, als würde die achte
Verleihung der "Nestroy"-Theaterpreise, die gestern, Samstag, Abend
im Theater an der Wien gefeiert wurde, eine Gala wie viele andere
auch: bemüht witzig, zwischen Glamour, Selbstbeweihräucherung und
Understatement keine rechte Linie findend, in den Dankesreden kurz,
bündig und beinahe routiniert. Doch dann wurde es doch fast ein
denkwürdiger Abend. Schuld daran waren Menschen höchst
unterschiedlichen Temperaments: Markus Kupferblum, Paulus Manker und
Hilde Sochor.
Gemengelage der Gefühle. Kupferblum nahm den "Nestroy" für die beste Off-Produktion
entgegen und allen Mut zusammen: Den straffen Zeitplan der
Veranstaltung ordentlich durcheinanderbringend machte der
introvertiert wirkende Künstler aus seinem Herzen kein Mördergrube
und erzählte von der Gemengelage seiner Gefühle. 20 Jahre mache er
nun in dieser Stadt Theater und stehe nun zum ersten Mal "auf dieser
luxuriösen Bühne, wo ich als freier Künstler normalerweise nichts zu
suchen habe". Es sei "eine Ironie des Schicksals", dass er
ausgerechnet für eine Produktion ausgezeichnet werde - "Die
verlassene Dido" im Nestroy-Hof -, in der er als Notlösung
thematisiert habe, was er eigentlich geplant habe - hätte er nur das
nötige Geld bekommen. "Ich als Theatermacher bin deshalb auch
unheimlich traurig", sagte Kupferblum, denn die "neuen, aufregenden
Wege", die hier eigentlich ausgezeichnet werden sollten, könnten aus
mangelndem Mut von Kulturpolitikern und Intendanten häufig nicht
beschritten werden.
Fans im Saal. Kupferblum wurde mit viel Jubel bedankt, wie überhaupt die jungen,
nicht arrivierten Künstler die meisten Fans im Saal hatten.
Regisseurin Stephanie Mohr, die für ihre Inszenierung von "Die
Weberischen" von Felix Mitterer in einer VBW-Produktion im
Museumsquartier den Spezialpreis erhielt, wurde ebenso euphorisch
gefeiert wie Bernhard Schir, der mit seiner Mitwirkung in der
Josefstadt-Produktion von "Das Fest" bei den besten Schauspielern
überraschend die Burg-Stars Gert Voss und Joachim Meyerhoff ausstach
und die berührendste Dankesrede hielt.
Große Leistungen. Die Nestroy-Akademie orientierte sich heuer überhaupt weniger an
großen Namen als an großen Leistungen: Der international gefeierte
junge polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna wurde für sein
"Medea"-Projekt im Kasino mit dem Regiepreis geehrt, seine
Hauptdarstellerin Sylvie Rohrer wurde (auch für ihre Leistung im
Jelinek-Monolog "Über Tiere") beste Schauspielerin. Luc Bondy (für
seine "Lear"-Inszenierung nominiert) ging ebenso leer aus wie sein
Kollege Peter Stein, denn als "Beste deutschsprachige Aufführung"
wurde nicht Steins "Wallenstein", sondern "Der Gott des Gemetzels"
von Yasmina Reza in der Regie von Jürgen Gosch am Schauspielhaus
Zürich gekürt.
Irrwitziges Theater. Dennoch sorgte gerade diese Kategorie für den größten
Unterhaltungswert, denn die sonst nicht eben rasend originellen
Moderatorinnen Sophie Rois und Caroline Peters boten mit einer
Scharade zu den nominierten Stücken endlich das, was sie am Besten
können, nämlich fulminantes, rasendes, irrwitziges Theater, und als
Goschs Vertretung kam der jetzige Zürcher Intendant und baldige
Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann zu seinem ersten offiziellen
Wien-Auftritt. Er nahm den Preis als "eine Art vorzeitige
Willkommenheißung in Wien, auf das ich mich sehr freue" entgegen. Das
Warten auf seinen Amtsantritt (mit der Saison 2009/10) werde nun
lang, doch er ahne, es sei eine Illusion, dass es immer so schön sein
werde wie an diesem Abend.
Features
Preise
Die Auszeichnung wird in elf Kategorien vergeben. Eine
Kritikerjury beschloss in acht Sparten je drei Nomi-
Foto

Sophie Rois & Caroline PetersFoto © APA/ORF
Fakten
Für das Buch der am Samstag im Theater an der Wien statt-
findenden
achten "Nestroy"-Gala zeichnet nun doch nicht David Schalko
verantwort-
lich. Nach Vorlage einer Erstfassung sei es nicht
gelungen, Änderungs-
wünsche der Moderatorinnen und des Vereins in
gemein-
same Formen fließen zu lassen.
















