Ars Electronica: Himmelsauge und gläserner Mensch
Der Besucher hat es nicht leicht: Die Ars Electronica 2007 ist extrem dezentral organisiert. Ein Großteil des Programms findet im öffentlichen Raum der Stadt Linz statt.

Foto © APAMotive für Monate: Eine interaktive Duftinstallation auf der Ars Electronica
Statt das für 2009 im Umbau begriffene Ars Electronica Center und das nur schwach genützteBrucknerhaus ist der Stadtraum wesentlicher Veranstaltungsort, passend zum Thema "Goodbye Privacy". Während aber anderswo Kunst im öffentlichen Raum betrieben wird, soll hier die Öffentlichkeit als Kunst erlebbar gemacht werden.
"Second Life".
Beispiel: Der Berliner Medienkünstler Aram Bartholl erklärt eine sterbende Einkaufsstrasse im Herzen der Altstadt zur "Second City". Namensgebend ist die Virtual Reality-Community "second life". Bartholls Verschmelzung von Virtualität und Realität zieht auch eine Verschmelzung sozialer Wirklichkeiten nach sich: Seit längerem arbeitet er bereits mit dem gezielten Austausch von Versatzstücken natürlicher und digitaler Welten, nun findet man auch in den Linzer Straßen Menschen, die über ihren Köpfen den "nickname" ihres Online-Alter Egos tragen und den Handel mit digitalen Gebrauchsgegenständen, die den virtuellen Welten entnommen wurden, vorantreiben.
Gefahren.
Was die Euphorie über das erweiterte Daseinsfeld in Online-Realitäten bremst, ist, dass diese durch Entwicklungen des "Web 2.0" à la "second life" oder auch "myspace" eher ein spielerisch subjektiviertes Abbild des Ichs
darstellen als die Erfindung einer wirklich neuen, zweiten Identität. Durch die Preisgabe persönlicher Daten entsteht außerdem ein Gefahrenpotential im Sinne des gläsernen Menschen. Lösungsvorschläge und Alternativen werden in den digitalen Communities diskutiert.
Zwar nicht durchsichtig, aber jedenfalls gut sichtbar ist man im gesamten Linzer Stadtgebiet: Durch ein überwachendes Auge am Himmel wird ein "Gruppenfoto von oben" gemacht. Zu diesem Zweck überfliegt ein speziell ausgerüstetes Flugzeug die Stadt und macht mehr als 4400 Einzelaufnahmen von Bewohnern und Gästen.
Machbarkeit.
Die diesjährigen Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen thematisieren ebenfalls das Ende der Privatsphäre. Das nicht mehr ganz frische Thema - seit Orwells "1984" geprägt durch Literatur, Film und Fernsehen - wird im Versuch, der Trivialität zu entkommen, von verschiedenen Seiten her beleuchtet: Aus politischer, sozialer und natürlich ganz im Sinne der Ars Electronica nicht zuletzt aus künstlerischer Perspektive.
Insegsamt zeichnet sich ein nicht zu übersehender Trend ab, nämlich der, die "ars" der "electronica" zu unterwerfen. Kunst hin, Kunst her, gemacht und gedacht wird, was technisch möglich ist. Die Utopien von heute werden von technischer Machbarkeit, nicht von menschlichen Sehnsüchten getrieben.
Preisverleihung.
Nicht zuletzt sei die Preisverleihung im Rahmen des Festivals erwähnt. Vergeben wurden sechs Goldene Nicas, 14 Auszeichnungen und 74 Anerkennungen. Preis-Gesamtwert: 122.500 Euro.
Dieses Jahr neu: Ein Preis für transdisziplinäre Projekte in der Kategorie "Hybrid Art", vergeben an das australische Labor SymbiotikA, welches im Spannungsfeld zwischen Kunst und Biologie tätig ist.
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Bei den Projekten steht oft der unbekannte oder unbewohnte Raum im Mittelpunkt. Etwa in den "Sunday files", eine Videoinstallation, die am Wochenende verlassene Büroräume zeigt.
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Ausprobieren und bewundern kann man zahlreiche Installationen und Objekte mit Witz und virtuellem Charakter, die in Geschäftslokalen, Hinterhöfen, Garagen und Gastgärten warten.
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