Zwischen Quittenmarmelade und Schnittlauchfest
Laokoons Mahlzeit oder ein Backhendlwirt auf der Suche nach geistiger Nahrung.
Im "Wörterbuch des Teufels" von Ambrose Bierce findet sich unter dem Stichwort Fest, das die Eintragung: "Feier, z. B. religiös; gewöhnlich gekennzeichnet durch Völlerei und Trunkenheit; häufig zu Ehren eines Heiligen, der sich durch Enthaltsamkeit auszeichnete. In der römisch-katholischen Kirche sind Feste 'beweglich' oder 'unbeweglich', die Feiernden hingegen sämtlich unbeweglich, bis sie abgefüllt sind."
Fußballrivale.
Es ist eine der Errungenschaften der Säkularisierung, dass man Feste heute auch ohne Heilige und Heldentaten zelebrieren, dass man Feste also feiern kann, bevor sie überhaupt gefallen sind: Kein Vaterland muß gerettet, keine Seuche und kein Fußballrivale besiegt, kein Brand gelöscht, weder Freundschaft, noch Liebe besiegelt werden, kein Kind geboren werden. Es geht auch so. Der Grund der Feier wird einfach durch ihre Mittel ersetzt. Und so kommt es zum Auswuchs der kulinarischen Feste, über die sich ein Leser meiner Kolumne ärgert und mich bittet, einmal so richtig darüber herzuziehen.
Feste.
Es gibt ja nicht nur das Speckfest, das Käsefestival, das Kürbisfest und das Kastanienfest, die sogenannte Marunada in Lovran im Oktober, wenn weder in Istrien noch in Kärnten ein Hotelzimmer zu bekommen ist: In Istrien sind alle voll, in Kärnten alle zu. Es gäbe, schreibt mein Leser, auch noch das Fischfest, das Wildfest, das Polentafest, das Spargelfest, das Eierschwammerlfest. Und wenn es so weiter geht, werde es bald auch das Tomatensuppenfest, das Gebackene-Leberfest und das Gefüllte-Kalbsbrustfest geben, das Schaffest in Ferlach, das Schnittlauchfest in Innernöring, das Linksdrehende-Joghurtfest in Bad St. Leonhard, das Kardinalschnittenfest in Außerteuchen und das Quittenmarmeladenfest in Äußere Einöde.
Kulinarik.
Natürlich gehört die Küchenkultur zur Kultur (und viele Schriftsteller gefallen sich momentan als Köche oder gar Kochkünstler). Aber wenn sich jemand sorgt, dass vor lauter Gastronomie und Kulinarik kein Platz für geistige Nahrung mehr bleibt, verlautbare ich seine Sorge gern. Der Kärntner Laokoon, der mir geschrieben hat, ist im Hauptberuf übrigens Backhendlwirt.














