Zehn Stunden "Wallenstein" dank Klaus-Maria Brandauer
Es ist vollbracht! Peter Stein hob seine zehnstündige Version von Schillers "Wallenstein" aus der Taufe. Ein "Krieg der Sterne" anno 1634 in Cinemascope. Dank Klaus-Maria Brandauer.

Foto © APAKlaus-Maria Brandauer in "Wallenstein"
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst? Von wegen. Wenn Peter Stein Hand anlegt, erwacht der Bühnenernst zum Leben, manchmal ächzend und stöhnend, aber wissend um seine hohe Pflicht. Nach seinem "Faust"-Marathon, der gute 21 Stunden dauerte, ist Stein mit der Fast-Vollversion von Schillers "Wallenstein" über zehn Stunden ein weiterer Eintrag ins Buch der Theaterrekorde sicher.
Zum Austragungsort für sein historisches Weihespiel bestimmte der Gigantomane die Fabrikshalle einer ehemaligen Brauerei im multikulturellen Berliner Vorort Neukölln, wo Dönerbuden hart aneinander sich reiben. Ein "Schiller-Wood-stock" werde hier entstehen, frohlockte Klaus-Maria Brandauer, Peter Steins Protagonist und exzentrischer Bruder im Geiste.
7000 Verse.
Hinein also in den vermeintlich neuen Tempel der deutschen Hochklassik; doch nicht Musik, herausgewürgt aus der Raukehle von Joe Cocker oder der Gitarre von Jimi Hendrix, ist es, die anfangs auf die 1300 Premierenbesucher niederprasselt, sondern anachronistischer Reimregen. Teil eins des Trilogie-Triathlons führt, wie der insgesamt rund 7000 Verse umfassende Text es befiehlt, in Wallensteins Lager, wo auch die Knittelverse ihre Zelte aufgeschlagen haben, von den Akteuren heruntergespult wie Mainzer Büttenreden.
Puritanisch.
Mit dem Regietheater, das er einst miterfand, hat Peter Stein längst nichts mehr im Sinn; ihn drängt es zur Texttreue, zur Tradition. Puritanisch bleibt er nur bei der Ausstattung. Zumeist sind es bloß schwarze und weiße Stellwände, unentwegt hin und her geschoben, die auf der gut und gerne 50 Meter breiten und 40 Meter tiefen Megabühne den jeweiligen Spielort andeuten.
Wortgefechte.
Bei den Kostümen herrscht Historienzwang. Rüstung und Stiefel, Mantel und Helm sind obligat, nicht selten stehen die Degen den Wortgefechten im Weg, was zu unfreiwilliger Komik führt. Die mehr als 100 Akteure (das Gros aus Claus Peymanns Berliner Ensemble) meistern Respekt gebietende Strapazen, die schauspielerischen Qualitäten sind jedoch häufig Mittelmaß.
Nun also er: Klaus-Maria Brandauer. Er gibt den Wallenstein, nein, er gibt ihn nicht, er schenkt ihn einer Andachtsgemeinde, die ihm vom ersten Satz weg an den Lippen hängt. Nur noch wenig erkennen lässt er vom einst glorreichsten Strategen des Dreißigjährigen Krieges, ihn plagt der Kater nach dem Machtrausch.
Kobold.
Brandauer liebt es, als Flamme aufzuzucken, gleich darauf armselig zu flackern, fast gänzlich zu erlöschen, zaudernd, auch in seiner Sprache, vor jedem Schritt, stöhnend unter dem Gebot, ein Tatmensch zu sein. Er blickt nach den Sternen und steht im Nichts, als Antiheld, koboldhaft geduckt - und doch ganz und gar Lichtgestalt des Spektakels. Minutenlanger Jubel am Ende war der Lohn.
Doch lohnt es all den Aufwand? Geboten wird ein zehnstündiger "Krieg der Sterne" anno 1634 in altmodischer Bühnen-Cinemascope-Version, bildungsbeflissen, selten erhellend, häufig matt, oft langatmig, allzeit um Aufklärung bemüht, letztlich eine spröde Selbstinszenierung namens WallenStein. Aber vielleicht war's ein Vorspiel nur. Eventuell drängt es Stein jetzt danach, den Dreißigjährigen Krieg nachzuspielen, in lediglich leicht gekürzter Form.















