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    Zuletzt aktualisiert: 05.03.2013 um 20:24 UhrKommentare

    Israels dunkle Seite des Geheimdienstes

    Sechs ehemalige Chefs des Schabak sind die "Torwächter" Israels. In Interviews geben sie Auskunft über ihre Methoden. Und über Kritik an der Politk. Selbst Palästinenser waren von den Einblicken in die Seele ihres Feindes fasziniert

    Foto © kk

    Dror Moreh kann einige Superlative für sich in Anspruch nehmen: Dem israelischen Filmemacher gelang es erstmals, alle sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des sagenumwobenen Inlandsgeheimdiensts Schabak (früher Schin Bet) zu interviewen. Das Resultat "Töte zuerst" kann sich sehen lassen, sagen die Kritiker: Von der Berlinale bis in die USA überschütteten sie Moreh mit Preisen und nominierten seinen Film zum Oskar. Einzig in Morehs Heimat Israel betrachten manche diesen Erfolg mit Zwiespalt. Denn im Film verwerfen ausgerechnet die Männer, die im Kampf gegen die palästinensischen Terror an vorderster Front standen, das Diktum führender Politiker, dass Israel auf der anderen Seite keinen Partner für Frieden habe. Damit üben sie scharfe Kritik an der politischen Führung und ihrer Besatzungspolitik, geben ihrem eigenen Staat einen Großteil der Schuld für das Scheitern des Friedensprozesses.

    Die Idee kam Moreh während der Dreharbeiten für eine Doku über Ex-Premier Ariel Scharon. Moreh erfuhr damals, dass Scharon zutiefst vom Interview beeindruckt war, dass ein Journalist mit vier Schabak-Chefs geführt hatte: "Sie sagten darin, dass Scharon Israel ruiniert, wenn er seine Politik nicht ändert. Scharon hat das aufgewühlt, weil die Kritik mitten aus dem Kern des Establishments kam."

    Selbst Palästinenser, die Hauptleidtragenden der Aktionen des Schabak, waren von den Einblicken in die Seele ihres Feindes fasziniert: "Der Umstand, dass dieser Film gemacht und ausgestrahlt wird, gibt Anlass zur Hoffnung", schrieb Sari Nusseibah, Philosoph und Rektor der Al Quds Universität in Jerusalem.

    Denn aus den Interviews gehen zwei Aussagen hervor: "Nachdem man all das durchmacht, gehört man automatisch zum Friedenslager", sagt Jaakov Peri, der den Schabak von 1988 bis 1995 leitete und jetzt in die Knesset sitzt. "Man muss mit allen sprechen, auch der Hamas und dem islamischen Jihad", meinte Abraham Schalom, der den Geheimdienst in den Jahren 1980-1986 leitete. "Mit unseren Feinden keinen Dialog zu führen ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können." Avi Dichter, der den Schabak 2000-2005 befehligte und nun als Minister fungiert, behauptet: "Frieden kann man nicht mit militärischen Mitteln schaffen, sondern nur mit Vertrauen. Als jemand, der die Palästinenser gut kennt, sage ich, dass es kein Problem ist, mit ihnen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen."

    Politiker nehmen Abstand

    Die Geheimdienstler legen auch fest, weshalb der Friedensprozess stillsteht: "Wir hatten den palästinensischen Terror unter Kontrolle, aber die Regierung machte sich nie daran, das Problem des besetzten Gebiete zu lösen", sagt Schalom. Seit der Ermordung von Premier Jitzchak Rabin gebe es in Israel keine politische Führung mehr: "Alles ist Taktik, keine Strategie". "Die Regierung lässt sich von den Siedlern führen", sagt Ex-Geheimdienstler Ami Ayalon.

    Angesichts der harten, einheitlichen Kritik ist es kein Wunder, dass Politiker Abstand nehmen. Außer Dichter gratulierte niemand aus der Regierung. Von rechten Kreisen tönte Kritik. Kulturministerin Limor Livnat warf Moreh vor, Israels Ansehen absichtlich schaden zu wollen. Doch zumeist fiel die Kritik aufgrund des Prominentenstatus der Interviewten eher leise aus. Vereinzelt wird moniert, dass Moreh sich nicht mit der Verantwortung der Palästinenser auseinandersetzte: "Bis jetzt hat jede israelische Regierung versucht, Verhandlungen zu führen, und sie alle scheiterten. Warum untersucht niemand die Korruption, die Erziehung zum Judenhass, die Diktatur und den Terror der palästinensischen Führung?"

    Ältere Besucher überraschte der psychologische Aspekt: "Er zeigt die tiefen moralischen Dilemmas aller Beteiligten. Wie sehr es sie zerreißt, an was sie da teilnehmen", sagt Psychologin Avramit Brodski, die Patienten aus dem Geheimdienst betreut. Immer wieder betonen die Ex-Chefs, wie schwer ihnen ihre Entscheidungen fielen: "Selbst wenn kein Unbeteiligter ums Leben kam. Irgendwann kommt es über einen: Was gab mir das Recht, diesem Menschen das Leben zu nehmen?", fragt Yuval Diskin.


    Fakten

    "Töte zuerst" ist der teuerste Dokumentarfilm in Israels Geschichte mit 1,3 Millionen Euro.

    Fünf Jahre arbeitete Dror Moreh am Projekt und führte 12 Stunden lang Interviews mit allen sechs lebenden Ex-Chefs des Inlandgeheimdienstes Schabak.

    TV: Am Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD.

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