"Zurückrudern kommt nicht in Frage"
Geschlaucht, aber zufrieden: Martin Kušej über sein erstes Intendantenjahr in München und warum er keine Käselaibe mehr in Paraffin tunkt.

Foto © Allessandra Schellnegger98 Prozent Auslastung zu Saisonbeginn: "Ein anderes Publikum als vor dem Sommer", ist Martin Kusej zufrieden
Zu Ihrem Einstand als Intendant des Resi haben Sie den Münchnern eine "Sturmflut" angekündigt. Das Ergebnis war ein Premierenoverkill und eine schwache Auslastung. Haben Sie dem Publikum zu viel zugemutet? Wie sieht Ihre persönliche Bilanz am Beginn der zweiten Saison aus?
MARTIN KUŠEJ: Mein Auftrag für das Residenztheater lautete "Erneuerung"! Das ist zweifelsohne gelungen, aber natürlich noch keineswegs abgeschlossen. Wir haben sehr verkrustete Strukturen und überkommene Zuschauer-Erwartungen vorgefunden, die man nicht von heute auf morgen verändern kann. Außerdem mussten wir ein komplett neues Repertoire aufbauen - daher die vielen Premieren. Ich muss aber zugeben, dass ich mir die Veränderung etwas zügiger vorgestellt hatte; auch die Bereitschaft des Münchener Publikums, sich auf einen neuen Weg einzulassen, ist eine größere Herausforderung, als erwartet.
Mussten Sie zurückrudern?
KUŠEJ: "Zurückrudern" kommt nicht in Frage, höchstens Nachjustieren aufgrund der Erfahrungen, die wir gemacht haben. Die Auslastung ist nach den ersten drei Premieren der neuen Spielzeit bei 98% und man merkt definitiv, dass ein anderes Publikum im Theater ist, als noch vor dem Sommer.
Wie viel Zeit und Freiraum reißt sich der Regisseur Kušej beim Theaterdirektor Kušej heraus?
KUŠEJ: Außer, dass ich einen 14- Stunden-Job habe, der echt schlaucht, bin ich sehr zufrieden! Intendant oder Regisseur - das macht für mich momentan selten einen Unterschied!
In einem Gespräch haben Sie einmal sinngemäß gesagt: "Wenn in einem Stück etwas Interessantes verborgen ist, dann finde ich es". Ist das noch immer Ihre Überzeugung?
KUŠEJ: Ja, selbstverständlich. Allerdings gehe ich da sehr subjektiv nach meinen eigenen Kriterien vor. Das bedeutet eine Suche nach dem Emotionalen, Abgründigen, Schmerzhaften, Rätselhaften, Irritierenden, Unlogischen, Angsteinflößenden, Dunklen, Verborgenen, Verdrängten - kurz nach allem, was zutiefst menschlich und theatralisch aufregend ist.
In den Kritiken über Ihre Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler", ist vom hohen Erkennungswert Ihrer Regiearbeit die Rede. Einige wollen "gestelztes bürgerliches Theater" gesehen haben.
KUŠEJ: Die Beurteilungen meiner Arbeiten in irgendwelchen Zeitungen haben mich definitiv nie interessiert; und hätten mich auch keinen Deut weitergebracht. Denn die "Kritiker" hecheln immer schon hinterher und selten habe ich jemanden erlebt, der tatsächlich auf Augenhöhe mit mir über Theater hätte sprechen können. Es ist klar, dass ich eine eigene, unverwechselbare theatralische Sprache entwickelt habe - gleichzeitig war mir immer wichtig, neues Terrain zu erforschen oder genreübergreifende Projekte zu realisieren. Ich muss aber schon längst nicht mehr beweisen, dass ich "antibürgerliches" oder "provokantes" Theater machen kann. Meine Inszenierungen orientieren sich an den Texten und Autoren, an meinen Assoziationen und an meiner Wahrnehmung der Gesellschaft und der Zeit um mich herum.
Der junge Regisseur Patrick Steinwidder ist mit seinem "Reigen" im Marstall bei der Kritik durchgefallen. Was ist da Ihrer Meinung nach schief gelaufen?
KUŠEJ: Patrick ist ein sehr talentierter und sensibler junger Künstler. Allerdings auch noch sehr unerfahren. Wir haben gemeinsam etwas riskiert und sehen, dass da noch Luft nach oben ist. Das ist aber keine Tragödie, sondern ein völlig normaler Vorgang. Er wird seinen Weg machen! Wie schon gesagt: Hätte ich immer das Handtuch geworfen, wenn ich "bei der Kritik durchgefallen" war, würde ich heute noch in der Molkerei Völkermarkt Käselaibe in Paraffin tunken.
Das Resi eröffnete am Freitag das Festival des deutschsprachigen Theaters in Prag mit Ihrer Inszenierung "Die bitteren Tränen der Petra von Kant". Wie wichtig ist Ihnen die Präsenz in Prag?
KUŠEJ: Ich habe mir immer gewünscht, in dieser tollen Stadt Theater zu machen oder zeigen zu können. Dass das Residenztheater nun hier unsere europäische Sicht auf Theater präsentieren kann, finde ich wirklich schön. Übrigens gastieren wir auch noch in Rom und in Tel Aviv - wir sind also auch international gefragt und erfolgreich.
Ihr Nachbar an der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bacher, meinte unlängst in einem Interview, die kulturelle Strahlkraft von Wien sei so gering, dass man sie in München schon nicht mehr wahrnehme. Wie sehen Sie das?
KUŠEJ: Tut mir leid für Wien - aber es ist tatsächlich so! Hier bekommt man höchstens mit, dass die eine unheimliche Angst vor München haben müssen. Unwahrheiten verbreiten, Nachtreten, Staub aufwirbeln - das sind alte Mittel, um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken.
Sie kommen zu einer Lesung zu Handkes 70er nach Graz, zeigen nächstes Jahr Handke-Stücke. Was mögen Sie an Peter Handke besonders?
KUŠEJ: Peter Handke ist für mich persönlich ein enorm wichtiger Künstler. Ich schätze seine Widerborstigkeit und seine gesellschaftspolitische Präsenz - auch wenn ich in manchen Dingen nicht seiner Meinung bin. Trotzdem zwingt er einen zu einer dezidierten Position und zum Nachdenken. Außerdem ist er ein gewaltiger Dichter, dem wir mit Aufführungen Tribut zollen. Die Lesung in Graz mache ich aus Verbundenheit zur Stadt und zum Literaturhaus.
Sie sind regelmäßig in Kärnten, beobachten Sie, was am Stadttheater Klagenfurt vor sich geht?
KUŠEJ: Natürlich! Das ist doch ein wichtiges Haus für mich. Mit Florian Scholz tausche ich mich regelmäßig aus und wir reden über die eine oder andere Möglichkeit einer konkreten Zusammenarbeit.
Features
Zur Person
Martin Ku?ej, geboren am 14. Mai 1961 in Wolfsberg. Studium (Sportwissenschaften, Regie) in Graz. Ab 1987 als Regisseur an österreichischen, slowenischen, deutschen u. a. Bühnen.
Karriere: 2005/2006 Schauspielchef der Salzburger Festspiele. Seit Herbst 2011 Intendant des Residenztheaters in München.















