Gigant, Hippie und für immer Young
Die hymnischen Kritiken, die das neue Album von Neil Young & Crazy Horse als Ernte einfuhr, haben ihre Berechtigung: "Psychedelic Pill" ist ein Meisterwerk, auf dem Lieder auch über 28 Minuten in ihren Bann ziehen. Von Thomas Golser.

Foto © APNeil Young im Carlyle Hotel in New York
Mit 66 Jahren legte Neil Young 2012 zwei neue Alben und eine Autobiografie vor. Während andere Bands aus dem Großmarkt der Beliebigkeiten (wie, sagen wir, U2 oder Coldplay) zum Glück nur noch alle paar Jahre mit neuem Material vorstellig werden, kann man dem Kanadier Schreibblockaden nun nicht gerade vorwerfen. Doch das Wichtigste: Die hymnischen Kritiken, die das neue (und 35.) Werk von Neil Young & Crazy Horse als Ernte einfuhren, sind gerechtfertigt. "Psychedelic Pill" ist ein Meisterstück.
Auf zwei Scheiben passen gerade einmal acht Nummern, die längste davon hört auf den Namen "Driftin' Back" und ist schlappe 27 Minuten und 36 Sekunden lang. Dass einem eine geschätzte Stunde voll mit Soli und Improvisationen an der E-Gitarre auch als Hörer einiges abverlangt, ist nicht zu leugnen. Ein Werk, das man nicht so nebenbei an der Leine spazieren führen kann. "Psychedelic Pill" nimmt einen selbst auf eine Reise mit, verliert aber das Ziel dabei nie aus dem Auge. War "Americana" heuer noch die launige Aufwärmübung mit Cover-Versionen uralter Traditionals, ist das neue Album das ganze Paket: Der irre Gaul im vollen Galopp, vier Blutsbrüder in ihrem privaten Universum. Telepathisches Verständnis füreinander und für die Musik - und die Kunst, drei bis vier Akkorde zum großen Freigehege für Geist und Seele werden zu lassen.
"Ramada Inn" und "Walk Like A Giant" sind scheppernde Meilensteine in Youngs Werk. In "Twisted Road" und "Born In Ontario" erinnert er sich an alte Zeiten und seine Wurzeln. Ohne weinerlich zu werden - dafür baut er das eine oder andere Selbstzitat ein, lässt z.B. "Cinnamon Girl" und "Like A Hurricane" wie Geister aus der Vergangenheit anklingen. Young gab nach Jahrzehnten das Trinken und das Rauchen von lustigen Zigaretten auf (es hat dem Album nicht geschadet, es wirkt trotz der Längen fokussiert), macht sich Gedanken über seine eigene Sterblichkeit und sein Ablaufdatum als Musiker: Ewig könne er es sich nicht mehr vorstellen, rockend auf der Bühne zu stehen (2005 starb er beinahe an einem Hirn-Aneurysma und schon seit seiner Kindheit kämpft er mit massiven Gesundheitsproblemen) - doch das Schreiben habe es ihm nun angetan.
Da ist nämlich auch noch ein Buch: "Waging Heavy Peace" nennt sich die Autobiografie, die Young nun vorlegte - ins Deutsche halbseiden mit "Ein Hippie-Traum" übersetzt. Mit 500 Seiten nicht gerade schmal gehalten, räsoniert der Meister über die lausige Klangqualität von MP3-Dateien, alternative Arten, Autos anzutreiben, sein nicht immer im Takt laufendes Privatleben und Miniatur-Eisenbahnen. Dass Young seiner Kunst zuliebe und um seiner selbst willen immer Menschen, Mitstreiter und Musiker verlassen und seinen eigenen Weg gehen musste, bestreitet er nicht: weniger aus Eitelkeit oder Egoismus, sondern aus einem Mangel an Alternativen heraus. Er schreibt natürlich auch über seine Musik, allerdings etwas zu inkonsistent. Kapitel, die einen interessiert hätten, fallen manchmal zu dürftig aus. In Summe wird das Buch dem bewegten Leben nicht ganz gerecht - doch geschrieben wurde Youngs Erbe ohnehin in Form von Noten.
Es ist (wie er selbst) ziemlich schrullig, es reißt Haken und es ist definitiv keine Bedienungsanleitung: Giganten werden üblicherweise auch ohne geliefert.
9 / 10
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Bild vergrößernBilly Talbot, Frank "Poncho" Sampedro, Neil Young (an den Drums und deshalb nicht im Bild: Ralph Molina)Foto © AP
Billy Talbot, Frank "Poncho" Sampedro, Neil Young (an den Drums und deshalb nicht im Bild: Ralph Molina)Grafik © AP
















