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Zuletzt aktualisiert: 07.10.2012 um 21:50 UhrKommentare

Freiheit ist nur ein Wort

Giacomo Puccini ist nicht nur der Komponist der "Manon Lescaut". Er tritt auch als deren Dirigent und Regisseur auf - in Stefan Herheims Inszenierung in der Grazer Oper.

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Z wei Herren wollen ihren Traum verwirklichen. Modelle der Freiheitsstatue deuten darauf hin, dass am linken Bühnenrand Frédéric-Auguste Bartholdi an seinem Entwurf für die Kolossalstatue bastelt. Dahinter, zunächst durch einen Gazevorhang verborgen, liest Giacomo Puccini, durch die Maske, Melone und Zigarette leicht zu erkennen, in einem Buch, dem er den Stoff für eine Oper entnehmen will, im Roman "Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut" des Abbé Prevost. Nachdem eine Dame die Bühne betreten hat, bei deren Anblick die Herren wie vom Donner gerührt zu sein scheinen, kann die eigentliche Handlung beginnen.

Weil Puccini keine Ouvertüre komponiert hat, mit der sich diese Vorgeschichte untermalen ließe, muss das Intermezzo, das eigentlich vor dem dritten Akt Manons Gefangenschaft und ihre Reise nach Le Havre schildert, an den Beginn des Abends rücken, der szenisch so endet, wie er begonnen hat. Haben Bartholdi und Puccini alles nur geträumt?

Von Stefan Herheim war nicht zu erwarten, dass er brav am Text entlang inszeniert. Bei Puccinis "Manon Lescaut" lieferte ihm überdies die Sprunghaftigkeit der Szenenfolge ein gewichtiges Argument dafür, nicht geradlinig den Aufstieg und Fall einer jungen Frau zu erzählen, die sich zwischen Luxus und Liebe nicht entscheiden kann.

Zentrales Symbol

Ihn interessiert vor allem die Freiheit, nach der sich die Protagonisten sehnen, und deshalb wird die Freiheitsstatue zum zentralen Symbol seiner Inszenierung. Er zeigt weder die Poststation in Amiens, noch Gerontes Salon in Paris, den Hafen von Le Havre oder die Ebene bei New Orleans, sondern verlegt das gesamte Geschehen in die Werkstatt, in der die Freiheitsstatue gebaut wird. Heike Scheele hat sie mit Gerüsten ausgestattet, die genug Platz für den (glänzend einstudierten) Chor bieten.

Hier lässt Herheim dank der Kostüme von Gesine Völlm die Jahrhunderte aufeinanderprallen, hier verwandelt er den Chor aus einer Masse in Einzelwesen, hier demonstriert er die fantasievolle Virtuosität seiner Personenführung, hier verwandelt er den Bildhauer Bartholdi in den Studenten Des Grieux.

Dabei bricht er das Werk vielfach, lässt Prévosts Buch von Hand zu Hand gehen, damit ihm die Figuren den Fortgang der Handlung entnehmen können. Puccini greift bisweilen als Regisseur ein und agiert als Dirigent, wenn die Gefühle überborden - dann ironisiert Herheim die Szene durch funkelnde Sterne.

Herheims unkonventionelle, auf die Affekte konzentrierte Inszenierung findet ihre Entsprechung in der musikalischen Realisierung. Michael Boder dirigiert einen entschlackten, von pauschalen Emotionalisierungen und seichter Sentimentalität befreiten Puccini. Mit zügigen Tempi entrinnt er der Gefahr des allzu Romantisch-Kitschigen, ohne Puccinis Emphase zu leugnen. Den Grazer Philharmonikern entlockt er kammermusikalische Feinheiten, zarte Zwischentöne und impressionistische Farben.

Mädchenhafter Ton

Gal James wahrt als Titelheldin selbst in den dramatischen Ausbrüchen einen mädchenhaften Ton, singt stets mit dosiertem Gefühlsausdruck und macht den Wandel von Manons Wesen durch das Leid nicht hörbar. Mit leidenschaftlichem Ausdruck und expansionsfähigem, hellem Tenor dominiert Gaston Rivero als Des Grieux das vokale Niveau. Javier Franco bleibt als Lescaut blass und dank des nicht realistischen Regiekonzepts können sich Wilfried Zelinka, Taylan Reinhard und Konstantin Sfiris in mehreren Rollen bewähren.

ERNST NAREDI-RAINER

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