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Zuletzt aktualisiert: 05.10.2012 um 21:40 UhrKommentare

Casten wir uns mal jedes Niveau weg

Der Blick durch die mediale Falltür fasziniert - das schon oft tot gesagte Genre Castingshow/Talentshow ist sehr lebendig und bleibt widersprüchlich. Der Zuschauer sieht den Anspruch am Horizont verschwinden, glaubt aber selbst mit der Fernbedienung noch obenauf zu sein. Überlegungen von Thomas Golser.

Foto © AP

So oft wurde es nun schon tot gesagt, doch das grenzwertige Genre ist munter. Vielleicht sind sie so allgegenwärtig wie noch nie, die Castingshows: vom "Supertalent" über den "Popstar" und den "Superstar" bis hin zum "Supermodel". Man liebt "Superlative" im Fernsehen - das Paradoxe daran ist allerdings: Am supersten und unterhaltsamsten ist es für viele vor allem dann, wenn es gar nicht super ist. Sondern schlecht. Richtig schlecht. Der Grenzbereich zwischen Respekt und Übelkeitsanfällen ist hauchdünn, aber er ist nicht gefühlsecht. Wahres Talent (und solches blitzt auch in diesen Sendungen fallweise auf) mag zwar kurz faszinieren. Für Schenkelklopfer sorgen dann aber andere.

Blick in den Abgrund

Der Blick in den medialen Abgrund bannt trotzdem viele. Vor allem dann, wenn man das Niveau am Horizont verschwinden sieht, sich selbst aber noch mit seiner Fernbedienung obenauf glaubt: "Deutschland sucht den Superstar" läuft im zehnten Jahr, für 2013 ist die zehnte Staffel der Casting-Show anvisiert. Österreich wärmte mit "Die große Chance" eine 30 Jahre alte Talentshow auf und setzte dafür unter anderem auf den sonst am Glücksrad drehenden Peter Rapp. Er hat mit den Untiefen dieser Formate offensichtlich keine Probleme bzw. verspürt keine Berührungsängste, auch wenn er selbst noch ein anderes Fernsehen kennenlernen durfte. Der ORF mag Möchtegern-Sänger, kleine Kunststücke Aufführende und sich nicht selten selbst unfreiwillig Parodierende noch milder und respektvoller behandeln als deutsche Privatsender es tun. Das Prinzip bleibt aber das gleiche, der Zuschauer bei der Stange: Zuerst gibt es den Auftrieb auf die Bühne, dann wird auf der Bühne aufgerieben. "Sie wissen, wo der Ausgang ist? Der Nächste bitte!"

Wer kann etwas am besten - und wenn es nur die Meisterschaft ist, sich selbst zum Hans Wurst zu machen? Im Takt flatulieren, mit dem Busen Klaviersolos zum Besten geben, Haushaltsgegenstände verschlucken und wieder hochwürgen: Unschöne "neue" Fernsehwelt - doch mehr als die Hälfte der Zwölf- bis 24-Jährigen schauen zu, wenn eines dieser Formate auf dem Sendeplan steht, ergab eine 2012 veröffentlichte Umfrage vom Meinungsforschungs-Institut GfK Austria. Die Hauptrollen besetzen dabei oft nicht die zur Wahl Stehenden, sondern die Jury, die sie be- und verurteilen, beflegeln und (ein wenig) bemitleiden darf. Ein unrühmliches "Urmeter" dafür ist und bleibt natürlich Dieter Bohlen: Er selbst wurde bestimmt nicht für seine Singstimme berühmt, stattdessen aber für die mundgerecht verabreichten Beleidigungen im Hauptabendprogramm. Dort wo die unterste Schublade liegt, schauen Sie bitte genau hin - darunter befindet sich noch eine.

Verbale Drecksalven

Immerhin war der heute 56-jährige Niedersachse einst selbst als Luftgitarrist und Maschinist für die gleichermaßen grauenvolle wie erfolgreiche Einzeller-Mitstampf-Pop-Brühe von Modern Talking verantwortlich: Der Pfad in den Trash war und ist also vorhergezeichnet - Rettungsgassen als Ausweg sind hier kaum vorhanden. Dass er nun 30 Jahre später im Akkord verbale Drecksalven in Richtung seiner aufmarschierenden "Nachwuchstalente" abfeuert (und darauf offenbar auf Lebenszeit gebucht ist), ist in gewisser Hinsicht also bloß konsequent. Der Kreis schließt sich, oder sind es große runde Nullen, die man im Casting-Ghetto sieht? Egal, Bohlen lässt so schön johlen.

Wetten, dass der sich munter seinem Pensionsalter annähernde Thomas Gottschalk nicht zu schade war, als sein Prüfungsbeisitzer herzuhalten? Und das, obwohl er selbst früher mehr als einmal über Casting-Shows hergezogen war? Aus seiner Zeit auf der ganz großen Bühne im Öffentlich-Rechtlichen nahm er für "Das Supertalent" gleich das blondierte Beiboot Michelle Hunziker mit. Die hat zwar fabelhaft lange Beine, es aber trotzdem nicht geschafft, im Stechschritt davonzulaufen. Schon wieder nicht. An dieser Stelle muss man aber festhalten: Der Zuschauer tut es leider auch nicht.

THOMAS GOLSER

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