Welt aus Holz und Sägemehl
Der steirische herbst führt bildende Kunst als oftmals spannenden Prozess und produktive Teamarbeit vor. Das Werk eines Einzelgängers ist dennoch das Ausstellungsereignis der Saison.

Foto © HERBSTReliefbild von Alois Neuhold
Minoriten
Diese Schau hat es in sich. Auf "Weitmaschigen Expressionismus" stößt man, auf "Zweigerl-gotik", "Schachtelbarock" und "Erdflechtromanik". "Nicht von hier" sei, was gezeigt werde, bzw. dessen Schöpfer, behauptet der Ausstellungstitel. Und auf dem Cover des Buchs zur umfassenden Präsentation (544 Seiten vom Feinsten) wird man mit der Forderung konfrontiert "Du musst dir die Augen ausreißen und die Hände an die Ohrstiegen legen".
"Nicht von hier" führt in das labyrinthische Werk von Alois Neuhold vulgo Neuvalis, geboren 1951, mit zwei Jahren zwei Tage im Wald verloren, nahe einer Marienkapelle wieder aufgefunden, 1977 zum katholischen Priester geweiht, 1979 wird er Vater. Biografische Blitzlichter, möglicherweise nicht ganz bedeutungslos für eine Bilderwelt zwischen Wachen und Träumen, über die der Künstler in seinem seit Jahren wachsenden "Splitterwerk" schreibt: "Was könnte mehr sprechen als uralte Bilder, Mythen, Märchen und Legenden? Urerfahrungen, Ureinblicke sind in ihnen gekeltert."
Alois Neuholds Werk entzieht sich raschen Kategorisierungen vehement, obwohl es (fast) immer unverkennbar ist. Zweidimensional und in mit Spachtelmasse, Pigment, Sägemehl, Acryl, Holz und Karton gefertigten Bildobjekten wird "eine künstlerische und geistige Gegenwelt" (Wilfried Skreiner 1981) sichtbar. Eine Gegenwelt nicht im Sinne eines weltfremden Eskapismus, sondern eine, die wirkliche Wirklichkeit wie ein wunderbarer Spiegel reflektiert. Der Blick in die Spiegel mit köstlich literarischen Titeln öffnet Wunderländer, in welche auch Alice mit Vergnügen eintauchen würde.
Eine Entdeckung: die Umschlagbilder, die Neuhold von 1986 bis 1992 für die Zeitschrift "SOG" (Solidaritätsgruppe engagierter Christen in Österreich) schuf. Collagen zu kirchen- und gesellschaftskritischen Themen. Angriffslustig, nie platt, im Detail scharfe und witzige Bilderpoesie von einem, der das herbst-Motto "Truth Is Concrete" ernst nimmt, aber weiß, dass im Namen der Wahrheit Schlimm(st)es passiert, die sogenannte Wahrheit hart wie Beton ("concrete") sein kann. WALTER TITZ
Alois Neuhold. Minoritengalerien Graz. Eröffnung Samstag, 10 Uhr. www.kultum.at Buch: Springer, 544 Seiten, 39 Euro.
rotor
Baruch Spinoza, Antonio Negri und Michael Hardt liefern den theoretischen Unterbau zu den Beiträgen von "Absolute Democracy". Die, wie meist bei , anregende Denkanstöße liefern. Kuratiert von Carlos Motta und Oliver Ressler vereint die Schau Arbeiten von Künstlern, welche Stellung beziehen. Wie Nicoline von Harskamp aus Amsterdam für die Ideen des Anarchismus.
Mehrjährige Recherchearbeit mündet unter anderem in den Film "Yours In Solidarity" (eine Formulierung, welche die Künstlerin in vielen Briefen von Anarchisten fand). Schauspieler tragen im Film, dessen Endfassung für das Rotterdam Filmfestival 2013 gebucht ist, Gedanken vor, die der Beschäftigung wert sind.
Informationen über alternative Wege zur Überwindung von Demokratiedefiziten und Taktiken des selbstbestimmten Krisenmanagements finden sich auch in vielfältig anderer Form. WT
Absolute Democracy. . Eröffnung Samstag, 12 Uhr. www.rotor.at
Kunsthaus
Das Frühwerk Michelangelo Pistolettos ist noch bis 14. Oktober in der Grazer Neuen Galerie zu sehen. Im Kunsthaus ist nun die vom italienischen Künstler 1998 gegründete Cittadellarte eingezogen. Ein auf Kunst gebautes Laboratorium, das sich in weltweiter Vernetzung global-lokaler Probleme annimmt. In der angenehmen Atmosphäre einer aus Holz gebauten Mini-Stadt mit Piazza, Brücken, Stadtwald und diversem urbanen Komfort können Projekte studiert werden, welche die Parole "Teilen und verändern" in unterschiedlichster Form in gelebte Realität umsetzen.
Man sieht, wie im kolumbischen Medellín ein Fluss in die Lebenspraxis der Bürger zurückgeholt wird. Man erfährt, dass man sich in China für die Permakultur des Lungauers Sepp Holzer interessiert. Man kann sich über Methoden ägyptischer Künstler, mit Kunst sozialpolitisches Bewusstsein zu wecken, informieren.
Es sind Themen, welche in Krisenzeiten offenbar virulenter werden, Themen, auf die man derzeit etwa auch bei der Architekturbiennale von Venedig auf Schritt und Tritt stößt. Im Mittelpunkt stehen Solidarität und Selbsthilfe, der Blick über Grenzen, die Öffnung für den Im- und Export von Ideen.
Auch in Graz ruft man zur Partizipation auf. So sind, um ein Beispiel zu nennen, Ideen zur sinnvollen Nachnutzung des reichlich verwendeten Fichtenholzes gefragt. Bereits eingelangt: Pläne der Verwandlung der Kunststadt in einen Indoor-Spielplatz.
Über allem verkündet eine Pistoletto-Neonschrift "Love Difference". So heißt ein Teil der Cittadellarte. www.pistoletto.it/facebook.com/lovedifference.redazione bietet Möglichkeiten zum "aktiven Teilen". Nur zu.
Cittadellarte. Kunsthaus Graz. Eröffnung Samstag, 13 Uhr. www.museum-joanneum.at
Kunstverein
Eine Kiste ist keine Kiste. Die Obststeige, welche Beate Engl in den Raum stellt, ist der Aluabguss einer solchen. Podest für Rhetoriker aller Art. Von ihr herab kann Liebe oder Hass gepredigt werden.
"Intoleranz/Normalität" befasst sich mit dem "schleichenden Prozess der Normalisierung der neuen politischen und kulturellen Reinheitsgebote". Das geschieht in oft abstrakter Form und mit ziemlich rudimentärer Definition der Basis obigen Befunds. Weshalb sich der Zusammenhang an sich interessanter Arbeiten - etwa ein Film von Farun Harocki über die BRD, eine Video-Arbeit über Songs von Grace Jones und Buju Banton von Karl Holmqvist, eine konstruktive Installation von Katrin Mayer und Heiko Karn zum Begriff "We" ("Wir") - schwer erschließt. WT
Intoleranz/Normalität. Grazer Kunstverein. Eröffnung Samstag, 15 Uhr. www.grazerkunstverein.org
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Foto

Alois NeuholdFoto © GÜNTHER LINSHALM
Fakten
Alois Neuhold, geboren 1951 in Eggersdorf; Studium der Theologie (Diplomarbeit über Paul Klee); 1977 Priesterweihe; ab 1978 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien; seit 1972 zahlreiche Ausstellungen.
www.gruppe77.at
















