"Amerika"-Expedition: Gott ist ein Geist aus der Maschine
Monströser Saison-Auftakt im Grazer Schauspielhaus. Mit seiner zum Teil als Revue getarnten Version von Franz Kafkas Romanfragment "Amerika" walzt Viktor Bodó Illusionen platt.
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Von kurzer Dauer ist das fast heitere musikalische Vorspiel, um einem titanischen Bild der Bedrohlichkeit zu weichen. Der Vorhang im Grazer Schauspielhaus hebt sich, auf der Bühne bahnt sich ein titanisches Ungetüm, geformt aus Stahlgerüsten, mächtigen grauen Blech- und Eisenwänden, riesigen Rohren, dampfend, ratternd und dröhnend seinen Weg, unaufhaltsam, monströs, beängstigend.
Karl Roßmann, der verstoßene Sohn, Protagonist in Franz Kafkas Romanfragment "Amerika", betritt sichtlich beeindruckt, aber auch eingeschüchtert, den Boden der Neuen Welt. Nur kurz streift Regisseur Viktor Bodó das Einstiegskapitel "Der Heizer", vehement und rasant fordert das Schicksal, das diesfalls nur dem tiefen Fall eine Daseinsberechtigung gewährt, seinen Lauf.
Franz Kafkas unvollendetes, rätselhaftes Werk ist strukturiert wie ein Stationendrama und hat nicht zuletzt deshalb auch den Tauglichkeitstest für unterschiedlichste theatralische und musikalische Bühnen-Deutungen immer wieder relativ problemlos bestanden. Viktor Bodó entschied sich für eine streckenweise fast revuehafte Version, gewohnt reich an Slapstick, Situationskomik, artistischen Einlagen, ungewohnt reich aber auch an schrillen Tönen.
Nacht-Expedition
Hohes Tempo und Kurz-Sequenzen, die auf der häufig rotierenden Drehbühne mit ihren vielfach gegliederten Räumlichkeiten und Schauplätzen - von der Luxusloft über eine Fabrikshalle bis zum Hotel und Asyl - auch enorme Präzision der Akteure und Akteurinnen erfordern, prägen diese lediglich am Anfang halbwegs verheißungsvolle Expedition. Sie führt nicht ans Ende, sondern in die Mitte der Nacht.
Die Ausformung richtiger Charaktere erweist sich dabei als nebensächlich. Auch Karl Roßmann (im Original knappe 16 Jahre alt), exzellent verkörpert von Claudius Körber, bleibt trotz aller Blessuren naiv, gutgläubig, fast emotionslos und unverdrossen ein beliebig knetbarer Spielball mysteriöser Mächte.
Götzendienst
Und er findet sich in einer gespenstischen Gesellschaft wieder, die ihren Götzendienst mit Leib, aber ohne Seele, im Auftrag des Fortschrittswahns verrichtet und meint, Gott oder wer auch immer sei ein anbetungswürdiger Geist aus der Maschine.
Hier offenbart sich der düstere Visionär Franz Kafka, hier öffnet sich ein Zugang zu dieser Inszenierung, die absurd, irritierend, ambivalent und sperrig erscheinen mag, hier nahm Viktor Bodó seinen Bruder im Geiste beim Wort: "Wir werden nie und niemals uns selbst, noch das System, das unser Schicksal bestimmt, durchschauen können".
So ist dieses "Amerika" vor allem der Versuch, zumindest Teile des Systems und damit auch jegliche Illusion von Stabilität, Halt oder Sesshaftigkeit zu demontieren. Stück für Stück verschwinden die Kulissenteile, im zweiten Teil des Abends schreiten Bühnenarbeiter inmitten der Szenerie zum Abtransport.
Das gesamte Ensemble, aus dem neben der erneut großartigen Budapester Szputnyik-Truppe und Claudius Körber vor allem Neuzugang Katharina Paul herausragt, beweist in einer Vielzahl von Rollen enorme Wandlungsfähigkeit, die Livemusik könnte zuweilen zurückhaltender sein.
Was soll's? Das Lebenselixier des Stücks: unfassbare Dämonie, der mit Magie kaum, mit eben dieser Spukhaftigkeit schon eher beizukommen ist. Ein vielschichtiges Unterfangen, mit zustimmendem Beifall honoriert.
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Sieben Premieren binnen 28 Tagen
Großvorhaben. "Volles Programm" heißt es im Grazer Schauspielhaus, das innerhalb von 28 Tagen sieben Uraufführungen und Premieren bietet. Hier die nächsten Vorhaben: Premiere Sonntag. Auf der Probebühne "Staatsfeind Kohlhaas" (Beginn: 20 Uhr). Premiere 5. 10.: Ebenfalls auf der Probebühne folgt Goethes "Clavigo" (20 Uhr). Uraufführung 13. 4.: "Hakoah Wien", Hauptbühne (19.30). Hospitanten gesucht. Das Schauspielhaus sucht laufend Hospitanten für die Bereiche Regie, Bühnen und Kostüme sowie ab Februar 2013 für PR & Marketing. Information: Tel. (0 31 6) 8008-3212 oder -3211. schauspielhaus-graz.com
















