Geschriebenes als Waffe
Olga Flor hat mit "Die Königin ist tot" ihren vierten Roman vorgelegt. Die Autorin über erste und perfekte Sätze, die Macht der Medien und das Bild des Kriegers.
I hr neuer Roman "Die Königin ist tot" spielt in der Medienwelt von Chicago. Warum?
OLGA FLOR: Was die Motivik betrifft, bin ich von Shakespeares "Macbeth" ausgegangen, in dem es um Königsmord zum Zweck des Thronerwerbs geht. Ich habe mich gefragt: Wo findet man noch Machtzentren? Beispiel Finanzwirtschaft: Wer bestimmt, wie Dinge bewertet werden? Sind es Ratingagenturen, diejenigen, die sie beauftragen, oder Regierungen, die gesetzliche Rahmenbedingungen geben? Es braucht in der Fülle von Informationen Systeme, die sortieren und interpretieren: etwa Medien. Wenn man Machtknotenpunkte überhaupt noch benennen kann, ist ihre Interpretationshoheit wesentlich.
Die Medien sind nur eine der Machtebenen im Buch. Die Hauptfigur ist eine junge Frau, die sich nach oben schläft. Ging es Ihnen um die Machtebene Beziehung?
FLOR: Es geht mir immer um Beziehungen zwischen Menschen, wie sie sich gestalten, wie sich die Machtgefälle im täglichen Leben zeigen. Meine Figur ist zielorientiert. Sie will Erfolg, entscheidet sich bewusst für einen antifeministischen Weg. Sie nutzt private Beziehungen, um sich ihre gesellschaftliche Position zu sichern, sie möchte auf der richtigen Seite der Ungleichung stehen.
Sie weben sehr viele Einschübe in Ihre Sätze ein. Warum?
FLOR: Das ist wie eine Kopfstimme, die dazukommt. Die Figur diskutiert mit sich selbst. So wie das Für und Wider des Mordes bei "Macbeth" verhandelt wird. Indem meine Ich-Erzählerin an ihrer Interpretation festhält, versucht sie auch, die Bedeutungshoheit über ihr Leben zurückzugewinnen. Damit setzt sie schon wieder eine Tat, die Folgen nach sich zieht. Das Geschriebene als Waffe.
"Ich lasse mich immer gerne ficken von einem Krieger", lautet der erste Satz im neuen Buch. Wie wichtig ist Ihnen ein erster Satz?
FLOR: Ich würde ihn nicht überbewerten. Es ist etwas, was die Figur gedacht hat, bevor sie sich korrigieren kann. Sie ironisiert das. Es beschreibt etwas Prinzipielles, die Anziehung, die Macht und Gewalt auf sie ausüben.
Warum das Bild des Kriegers?
FLOR: Jedes zweite Online-Spiel-Plakat will mir doch sagen: Der Krieger ist die einzig interessante Repräsentation des Männlichen und muss mir gefallen. Das Bild empfinde ich als enorm aufdringlich. Wenn man sich die Spiele ansieht, geht es nur darum, dass eine Person mit möglichst raffinierter Bewaffnung rundum alles niedermäht. Kriegerbilder sexualisieren, völlig unreflektiert, Gewalt. Das wollte ich aufbrechen. Der erste Satz hat einen ironischen Bruch. Ironie ist etwas Wunderbares. Ironie, nicht Sarkasmus.
Gibt es für Sie perfekte Sätze?
FLOR: Ich arbeite dran und hoffe, dass er mir noch lange nicht gänzlich gelingt. Hat man den perfekten Satz einmal geschrieben, könnte man ja aufhören. Es ist ein ständiges Bemühen darum.
Gibt es ein perfektes Wort?
FLOR: Ein Wort? Nein, ich brauche sie alle! Das Spannende ist ja doch die Aneinanderreihung. INTERVIEW: JULIA SCHAFFERHOFER














