Von Wasser und Wein
Regisseur Ulrich Seidl will mit "Paradies: Glaube", seinem Wettbewerbsfilm für das Festival in Venedig, die Scheinmoral der Kirche aufzeigen.

Foto © APAUlrich Seidl mit Hauptdarstellerin Maria Hofstätter in Venedig
S ie haben dem Film in einem Interview wenig Humorpotenzial bescheinigt, aber bei der ersten Vorführung wurde viel gelacht. Wie finden Sie das?
ULRICH SEIDL: Gut. Das Thema ist ohnehin ein sehr schweres. Das Lachen war nicht intendiert, aber das liegt immer auch an den Zuschauern. Vielleicht sieht man im Film etwas, das einem unangenehm ist, dann lacht man eben. Lachen hat ja etwas Befreiendes.
Die Konstellation wirkt wie eine Versuchsanordnung: Eine streng katholische Frau ist verheiratet mit einem muslimischen Mann.
SEIDL: Der Ursprung ist eine wahre Geschichte. Als ich den Film "Jesus, Du weißt" gemacht habe, habe ich eine Frau kennengelernt, die eine ähnliche Ehe führte. Keine Versuchsanordnung also, sondern aus dem Leben genommen, aber natürlich spielfilmmäßig noch weiter erzählt.
Aber liegt es nicht dennoch nahe, dem Film einen Konflikt der Religionen zugrunde zu legen?
SEIDL: Mein erster Ansatz war, eine private Geschichte zu erzählen, über eine Frau, die auf der Suche nach Erfüllung ist, enttäuscht von ihrer Ehe und sexuell frustriert. So kommt sie zu ihrer Jesusliebe in extremer Form. Aber über der ganzen Erzählung liegt natürlich auch der Konflikt zwischen der christlichen und der muslimischen Welt, das finde ich zeitgemäß und gut.
Der Glauben ist in Ihrem Film sehr stark mit der Sexualität verknüpft. Wieso?
SEIDL: Naja, wovon reden wir? Von der katholischen Kirche, die seit Jahrhunderten die Sexualität unterdrückt und tabuisiert. Das provoziert immer das Gegenteil. In den vergangenen Jahren gab es ja viele Skandale in der katholischen Kirche, mit sexuellem Missbrauch in allen Formen.
Sie sind selbst sehr katholisch aufgewachsen. Ist das mit ein Grund, dass Sie das Thema nicht loslässt?
SEIDL: Das sind erstens meine Wurzeln, aber zweitens ist das auch eine gesellschaftliche Realität. Die Kirche spielt bei uns nach wie vor eine massive Rolle, auch wenn die Menschen heute nicht mehr so gläubig sind. Die Glaubensfrage ist auch etwas, was mich beschäftigt: die Fragen nach dem Sinn, nach Gott.
Aber hier geht es um den Glauben abseits der Institution Kirche.
SEIDL: Ja, das muss man eben trennen. Ich bin den urchristlichen Werten sicher sehr verbunden, genauso wie den marxistischen Werten. Aber was die Institution Kirche angerichtet hat, ist etwas anderes. Darum geht es auch, diese Scheinmoral aufzuzeigen, die viele Menschen in den Abgrund getrieben hat und weiter treibt. Die Kirche predigt Wasser und trinkt Wein.
Die Protagonistin ist in ihrer Überzeugung auch stark missionarisch unterwegs. Sind die Hausbesuche echt?
SEIDL: Am Anfang des Films geht sie eher in Ausländerwohnungen, die sind völlig unvorbereitet gedreht, da haben wir spontan angeklopft. Im Gegensatz zu anderen Szenen, etwa mit René Rupnik oder Natalja Baranowa, die sind inszeniert. Da haben wir in der Recherche wahnsinnig viel Zeit investiert - und schlussendlich einfach beides probiert.
Mit "Paradies: Liebe" waren Sie im Wettbewerb von Cannes, mit "Paradies: Glaube" sind Sie hier im Wettbewerb von Venedig. Stimmt es, dass "Paradies: Hoffnung" schon für Berlin gebucht ist?
SEIDL:Das ist ein Gerücht. Aber es stimmt, dass es meine Absicht ist. Besser geht's eigentlich nicht. INTERVIEW: DANIEL EBNER

















