Wolf Haas: "Umgarnen funktioniert über die Sprache"
Am Montag erscheint der neue Roman von Wolf Haas, "Die Verteidigung der Missionarsstellung". Der Autor über den Beziehungswahn und seinen Spaß am Schreiben.

Foto © Autor Wolf Haas
Gratulation zum Titel. Eine exzellente Marketingidee oder Ausdruck literarischen Hintersinns?
WOLF HAAS: Mir fällt auf, dass jeder zu grinsen anfängt, wenn er den Titel hört. Man könnte vielleicht sagen, dass mit dem Titel das Verführungsspiel schon beginnt, das dann mit dem ersten Romansatz fortgesetzt wird. So wie es im Liebesroman um Verführung geht, muss ja auch der Autor den Leser zum Weiterlesen verführen, damit der nicht mit einem anderen Buch fremdgeht.
Die "Verteidigung der Missionarsstellung" ist eine literarische Abhandlung über das Schreiben. Aus jeder Zeile spürt man die unbändige Lust des Autors, mit der Sprache zu spielen.
HAAS: Ich denke, dass es nur lustig bleibt, wenn beide Ebenen gleich stark sind. So wie beim Brenner zuerst einmal der Krimi und der Detektiv stimmig sein müssen, obwohl es eigentlich um den Sprachwitz geht, so geht es hier auch zuerst einmal um die Liebesgeschichte, um die Eroberung. Da das Umgarnen aber nun einmal mit Sprache funktioniert, ist es naheliegend, auch mit dieser ein paar Späße zu treiben.
Als Leser habe ich das Gefühl, Ihnen geht es darum zu zeigen, dass man dem ausgelutscht(est)en literarischen Gegenstand - Liebesgeschichten - höchst originell Unterhaltsames abgewinnen kann. Ich unterstelle eine klammheimliche Freude am Dekonstruieren und Jonglieren mit dem Material.
HAAS: Am meisten an dieser Frage spricht mich die Formulierung "klammheimliche Freude" an. Das ist tatsächlich ein Gefühl, wo ich beim Schreiben immer merke, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
In "Das Wetter vor 15 Jahren" begegnen wir einer Figur namens Wolf Haas, die einige Übereinstimmungen zur Biografie des realen Wolf Haas aufweist, wie auch der jetzige Ich-Erzähler. Warum diese Verfahrensweise?
HAAS: Die Geschichte hat sich beim Schreiben so flott und lustig entwickelt, dass ich das Gefühl bekam, so einfach kannst du es dir nicht machen. Irgendwas Beschissenes muss auch vorkommen. Und da hab ich eben ein paar Sachen aus meinem Privatleben untergemischt. Ich glaube, mitten in einem lustigen Buch erwischt einen so eine ungeschminkte, viel zu private Mitteilung so richtig am falschen Fuß.
Bereits 1988 weiß die Hauptfigur Benjamin Lee Baumgartner, dass sie Jahre später wird googeln können. Welch große Freude macht es eigentlich, so mit Fiktion und Realität zu spielen?
HAAS: Da er im Jahr 1988 etwas prophezeit, von dem man als Leser weiß, dass es dann wirklich eingetreten ist, kommt man in so eine seltsame Überlegenheit hinein. Und er ist noch so bescheiden und relativiert seine geniale Prophezeiung gleich wieder: "Ehrlich gesagt, sehr wahrscheinlich ist es ja nicht, dass man später einmal die Vergangenheit googeln können wird, nur weil ich 1988 so verliebt war", rückt er seine scheinbar spinnerte Phantasie zurecht. Wie ein aufgeregtes Kind beim Kasperltheater, das den Kasperl vor dem Krokodil warnt, möchte man ihm da zurufen: "Doch, du hast Recht!"
Krankheiten brechen bei jemandem aus, der sich verliebt. Diese Spielereien mit Gleichzeitigkeit und Kausalität erinnern an ein "Kindergartendenken" à la: Wenn ich jetzt ruhig sitze, scheint morgen die Sonne. Mit diesem magischen Denken zu arbeiten, macht höllischen Spaß?
HAAS: Naja, das freut mich, wenn es so positiv ankommt. Es ist allerdings bei einem erwachsenen Menschen auch ein bisschen wahnsinnig. Ich glaube, das ist ungefähr das, was Freud "Beziehungswahn" nannte.
Vom Cover schaut das Augenpaar von Wolf Haas. Sind das Sie oder haben Sie dafür einen Doppelgänger engagiert?
HAAS: Das bin tatsächlich ich, und das Fotografiertwerden war fast anstrengender als das Schreiben des Romans. Ich musste immer die Hand schön halten, das hat mich gleich wieder an den Schreibunterricht in der Volksschule erinnert, diese Hand schön halten, das konnte ich noch nie.
Eine Frage zum Schluss. Sie haben's ja mit der Sprache. Wie kann man denn das verstehen, dass FPK-Mandatare zur Verhinderung eines Neuwahlbeschlusses ihren mehrmaligen Auszug aus dem Kärntner Landtag großspurig als "demokratisches Recht" bezeichnen?
HAAS: Da Sie mich darauf anreden, muss ich etwas loswerden, das mich seit Monaten plagt. Mir ist aufgefallen, dass man in dem Satz "BRÜDER SCHÄMT EUCH!" nur die mittleren Buchstaben ÄMT in einer anderen Farbe drucken müsste, und es käme "BRÜDER SCHEUCH" raus. Ich denke mir immer, wie bezaubernd es wäre, wenn die Kärntner mit solchen T-Shirts "BRÜDER SCHÄMTEUCH" herumlaufen täten. INTERVIEW: REINHOLD REITERER















