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Zuletzt aktualisiert: 25.08.2012 um 20:30 UhrKommentare

Salzburg-Bilanz: Zirkus mit Mischtönen

In einer Woche enden die Salzburger Festspiele. Mordswirbel, viel Licht und reichlich Schatten lautet unserer Vorabbilanz über die erste Saison des Intendanten Alexander Pereira.

Das also war Alexander Pereiras Debüt als Festspiel-Intendant. Mit viel Licht und reichlich Schatten. Und vor allem mit jeder Menge Pereira. Dieser Mann passt zu Salzburg wie der Jedermann auf die Domstiege. Noch vor Beginn gab es ja Zoff ums Geld, weil Pereira sieben Millionen Euro mehr für 2013 herbeischaffen wollte. Darunter viel Sponsorgeld, wohlgemerkt. Die Salzburger bekamen Fracksausen, als ginge es um ein überfordertes Provinzfestival.

Pereira rasselte Säbel mit seinem möglichen Abgang - und blieb selbstredend. Auch, weil sich der 64-jährige Wiener auf das etwas anders gemeinte Motto des seinerzeitigen TV-Schürzenjägers Monaco Franze versteht: "A bissl was geht immer". Ja, Geld bleibt stets erotisch, also einigte man sich zur allseitigen Gesichtswahrung beim Budget 2013 auf drei Millionen mehr, sprich: auf die Obergrenze von 60 Millionen Euro.

Pereira vereint in sich, was die Salzburger Festspiele insgesamt ausmacht: Er hat viel ökonomisches Talent, verfügt über einen eliteaffinen Kunstsinn und ist ein genussfreudiger Lebemann. Und genau darum geht es schließlich im sommerlichen Salzburg. Alle Appelle an die Festspiele um Mäßigung oder Glamourverzicht sind verlogen. Oft genug kommen sie von Leuten, die an der Salzach - zu Recht oder auch nicht - nicht zum Zug kommen. Die Bezieher teurer Opernkarten, die Spender üppiger Sponsorgelder reisen nicht an, um mit Sack und Asche konfrontiert zu werden.

Künstlerisch gesehen hat die Premierensaison von Pereira und seinem neuen Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf gemischte Gefühle hinterlassen. Beginnen wir mit dem Schauspiel:

Andrea Breths kluge Inszenierung des "Prinz von Homburg" ist nicht zuletzt dank Mimen wie August Diehl oder Peter Simonischek ein sehr sehenswerter Abend geworden. Bechtolfs riskantere Entscheidung, Irina Brook zu einer neuen "Peer Gynt"-Deutung einzuladen, stieß auf geteilte Reaktionen. Wer ein wenig kindlich gesegnet ist, mochte das Stück. Selbiges gilt für ihren Shakespeare-"Sturm" .

Bechtolfs Augenmerk auf Puppen- und Figurentheater brachte mit Raimund- und Kafka-Adaptionen feine (aber naturgemäß kleine) Abende. Wie man hört, sollen 2013 bei der Neuinszenierung des Dauerläufers "Jedermann" - vielleicht von Bechtolf selbst, vielleicht von Julian Crouch und Brian Mertes von den "Tiger Lillies" - ebenfalls Puppen tanzen.

Großartig geriet die Uraufführung von Händl Klaus' "Meine Bienen. Eine Schneise", eine düstere Partitur über Hoffnungslose, in der sich Text und Musik ("Franui") ideal verzahnen. Dass im per se spannenden Young Directors Project (YDP) just die Halbösterreicherin Gisèle Vienne den Bewerb u. a. mit dem mit viel Luft und Nebel aufgeblähten Spiritualitätsstück "This is how you will disappear" gewann, das schon 2010 beim "steirischen herbst" Gähnen gemacht hatte, spricht eher für den "herbst" und gegen die YPD-Programmierung.

Kernstücke in Salzburg sind und bleiben die Opern. Aber diesmal war es nicht immer kernig. Gar nicht mozärtlich urteilten die Kritiker zum Auftakt über die "Zauberflöte", Jens-Daniel Herzogs biedere Regie und Nikolaus Harnoncourts wenig berauschende Originalklangdeutung enttäuschten. Auch die vielversprechende "Zauberflöten"-Fortsetzung, Peter von Winters verworrenes Märchen "Labyrinth", gerieten Alexandra Liedtke (Regie) und Ivor Bolton (Pult) nicht zu mehr als einer netten Entdeckung,

"La Bohème" und "La Netrebko", da kann nichts schiefgehen, aber trotz üppigen Sängerfests kam Puccinis Schmachtoper nicht über gehobenen Standard hinaus. Mit dem Starprinzip punktete man auch bei konzertanten Opern: Tenor Rolando Villazón feiert in "Il re pastore" als Alexander der Große einen Erfolg im Mozartfach, Altmeister Plácido Domingo brillierte in Händels "Tamerlano" erstmals in einer Barockoper.

Die Wiederaufnahmen blieben musikalisch entweder eher blass (Bizets "Carmen"/Osterfestspiele) oder feuerwerkend (Händels "Giulio Cesare"/Pfingstfestspiele, u. a. mit der Neo-Intendantin Cecilia Bartoli als famoser Kleopatra).

Echte Festspielwürde gab es zwei Mal: Bechtolfs Regieexperiment, der "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss ein Theaterstück Molières beziehungsweise Hugo von Hofmannsthals voranzustellen, mündete in ein überzeugendes Gesamtkunstwerk. Und Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten", ein selten gespieltes "Opus Mammut", wurde durch Alvis Hermanis als Regisseur und Ingo Metzmacher am Pult zum absoluten Höhepunkt der Saison.

Trotz der schon traditionellen Crème de la Crème im Konzertbetrieb von den Wiener und Berliner Philharmonikern bis zu Solisten wie Daniel Barenboim muss sich der Intendant den Vorwurf der Beliebigkeit gefallen lassen. Stringenz vermisste man gerade in der löblichen neuen Auftaktreihe "Ouverture spirituelle"; die Neue Zürcher orakelte gar, dass nach Händels "Messias" 2013 wohl Bachs "Weihnachtsoratorium" bei 30 Grad Außentemperatur gespielt werde.

Die Salzburger Klassik-arena braucht nächstes Jahr also noch ein paar programmatische und nicht nur personelle Zugnummern. Zuvor kann der "Zirkusdirektor", als der sich Pereira ja selbst bezeichnet, nicht die Peitsche, aber die Sektkorken knallen lassen: beim ersten Festspiel-Ball am kommenden Samstag.

FRIDO HÜTTER, ERNST NAREDI-RAINER, MICHAEL TSCHIDA

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