Der magische Alpen-Realismus
Vom sensationellsten Debüt jüngerer Jahre ist die Rede. Vea Kaiser, knapp 23, ist mit "Blas-musikpop" auf dem Weg zu lichten Höhen.
Zugegeben, noch ist es vermessen, zu behaupten, dass das knapp 400 Einwohner zählende Bergdorf St. Peter am Anger irgendwann einmal jenen Stellenwert besitzen wird, zu dem Gabriel Garciá-Marquez einstmals dem ebenfalls fiktiven Kaff Macondo verhalf. Aber Querbezüge bestehen durchaus.
Mit einer eventuellen Weiterführung der "Hundert Jahre Einsamkeit" hat die 23-jährige St. Pöltner Literatin Vea Kaiser zwar absolut nichts im Sinn. Im Gegenteil: Sie präsentiert einen im abgeschotteten Hochgebirge von allem Weltengetöse verschont gebliebenen Menschenschlag, der sich, über Jahrhunderte hinweg, mit Leib und Seele der Gemeinsamkeit verschrieben hat. Aber dabei gelang ihr das rare, in der Tat sensationelle Kunststück, den magischen Realismus in die Alpen zu verlagern und ihm dort zu neuen, imposanten Dimensionen zu verhelfen.
Runde 4000 Seiten umfasste das Originalmanuskript der besessenen Vielschreiberin, die unter anderem Altgriechisch studierte und auch Herrn Herodot aus der Antike herbeiholt. Geblieben ist letztlich ein 500 Seiten umfassendes Debütwerk, das Vea Kaiser selbst als Anti-Anti-Heimatroman bezeichnet. Eine Dorfchronik in jedem Fall, geprägt durch faszinierende Fabulierfreude, durch eine Unzahl an Skurrilitäten, wunderbar gesetzten und nie überdosierten Pointen, aber auch durch gezielt gesetzte Seitenhiebe, etwa auf die Facebook-Manie.
Runde sechs Jahrzehnte umspannt die Geschichte, mehr als 100 Erzählfiguren entließ Vea Kaiser ins Hochland, am Fuße des Sporzer Gletschers, trotz aller Abschweifungen aber verliert die Autorin den roten Erzählfaden nie aus den Händen.
Passend zum Faden spielt anfangs auch ein mehr als 14 Meter langer Bandwurm eine wichtige Rolle. Er hat sich im Darm des Holzschnitzers Johann Gerlitzen eingenistet; als dieser endlich von seinem unwillkommenen Parasiten befreit wird, beschließt er, in die "große Stadt" zu gehen, um dort Medizin zu studieren.
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes löst schier endlose Kettenreaktionen aus, die hier nicht einmal ansatzweise aufgelistet werden können. Sollen sie auch gar nicht. Denn in "Blasmusikpop" stößt eine junge, aber schon jetzt virtuose Erzählerin derart vielstimmig ins Horn der Poesie und Phantasie, dass man glatt von einem unerhörten Leseerlebnis schwärmen kann, soll und muss.















