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Zuletzt aktualisiert: 23.08.2012 um 20:30 UhrKommentare

Karneval der hohen Tiere

Wilde Hunde und einsame Wölfe, blonde Geißlein und ein Bambi: In Salzburg ist auch gegen Festivalende noch der Bär los. - Zoologische Beobachtungen aus dem Festspielbezirk.

Der Herrgott hat einen großen Tiergarten", pflegte Mutter immer zu sagen. Dabei war sie gar nie in Salzburg. Nein, nicht in Hellbrunn. Im Gehege vor dem Festspielbezirk. Hohe Tiere, die sich an den Tränken locker in die Niederungen begeben: "Sehr zum Wohl. . .Aperol!". An ihrer Seite blonde Geißlein mit High Heels an den Hufen und nicht mehr ganz so junge Miezen im Gepardenlook. Dazu wilde Hunde in Mercedes-Cabriolets oder Pfaue mit Speichenrädern Marke Rolls Royce. In der honorigen Gesellschaft schleicht auch ein Musikkritiker als einsamer Wolf umher, der sich in Gegenwart von Damen ungeniert am Vordern kratzt. Vermutlich die Räude.

Botoxisch

Und Kiebitze gibt es, noch und nöcher. Sie erspähen zum Beispiel ein Rehlein - Nina Brucker, gerufen Bambi, die einst im Revier von Richard Lugner äste. Zur Premiere von Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten" kam sie an der Seite von Mario-Max zu Schaumburg-Lippe - was für ein schöner botoxischer Name! Der hoheitliche Prinz hat selbstredend Prinzipien, also stellte er der Adabei-Presse seine Begleiterin als "kultursinninge Kunstkennerin" vor. Mehr kann man nun wirklich nicht verlangen. Die Kiebitze aber staunten wohl eher über Bambis Dekolleté mit Freiblick wie die Aussichtsterrasse Mönchsberg. Und über ein oft erlebtes erotisches Paradoxon: Die Frauen tragen so enge Kleider, dass den Männern die Luft wegbleibt.

Vui scheen!

Klar, nirgendwo tönt die "Geldscheinsonate", wie der "Spiegel"-Journalist Klaus Umbach die Lieblingsmelodie der Upper-Class-Klassik einst so punktgenau beschrieb, lauter als in Salzburg, dort, wo nicht nur im "Jedermann" der Mammon lockt.

Aber die Eingeborenen dulden das üppige Treiben mitunter auch ganz entspannt. "Hör auf zu pfeifen, das tun nur die Schleiferinnen!", pflegte Mutter zur Tochter zu sagen. Nun wissen wir freilich nicht, ob Gabi Burgstaller auch hin und wieder im Amt die Messer wetzt, jedenfalls konnte man die Salzburger Landeshauptfrau auf dem Fahrrad am Haus für Mozart vorbeirauschen sehen, im weiß-geblümten Sommerkleid und mit fröhlichem Pfeifmund. Vorne an der Kreuzung dirigiert ein Polizist geduldig den stockenden Verkehr und gibt zwischendurch schon auch einmal auf seinem Funkgerät die aktuelle Besetzung in Puccinis "La Bohéme" durch.

Apropos: "Aber fesch is sie immer noch", meint im Gastgarten eine Einheimische zu einer Freundin. Sie? Anna Netrebko, wer sonst?! Eine profunde Musikkritik zum Opernabend folgt als Draufgabe: "Vui scheen!".

Handgranate

Netrebko kommt übrigens im "Triangel", dem gastronomischen Epizentrum im Festspielbezirk, auf Bestellung. Allerdings nur scheibchenweise, exakter: in 300-Gramm-Portionen. So heißt nämlich das Steak "Café de Paris" auf der Karte, wie ja auch alle anderen Gerichte dort traditionellerweise Künstlervulgonamen tragen. Ob Tenor Jonas Kaufmann als "Schweinswiener" zufrieden ist? Die singende Blendgranate Cecilia Bartoli jedenfalls hockt nach der Probe zu Händels "Giulio Cesare" leger am Nebentisch und lässt sich nicht sich selbst auftragen ("Forellenfilet mit Erdäpfeln und Salat"), sondern schmiert gemeinsam mit Counter-Weltmeister Philippe Jaroussky die Gurgel mit Speckbroten. Und Pastis.

Bettler

"Eat the rich!", prangt ein Aufkleber auf jenen Verkehrspollern, die die Autokarawanen wenigstens vor der Altstadt stoppen sollen. Aber die Revolution ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Also isst der gemeine Salzburger bloß ein Paarl Frankfurter beim Würstelstand an der Kollegienkirche (3,90 Euro) oder kramt wenigstens nach ein paar Münzen für jene Bettler, die nach kürzlicher Aufhebung des Bettelverbots wieder Dornen in den Augen der Noblesse sein dürfen.

Und er schwitzt diese Traumwetterwoche in der wüstenheißen Innenstadt genauso wie die Scharen an Italienern (Ferragosto), Arabern (Post-Ramadan), Japanern (nikonbewaffnet), Amerikanern (Trapp-Trapp-Trapp, Sound of Music) und sonstigen Weltenbürgern, die sich freuen, dass hier der Bär los ist.

Und was sagen die Salzburger eigentlich zum Kulturweltenbürger Alexander Pereira, der von der Presse in seiner ersten Intendantensaison ganz schön forte und presto gebeutelt wird? "Alle reden eigentlich nur davon, dass er eine viel zu junge Frau hat", schmunzelt eine Fremdenführerin im Dirndkleid. "Der mit seiner 15-Jährigen!", motzt auch ein Festspielkünstler über His Fair Lady, allerdings etwas unexakt.

Rösser

Aber seien wir uns ehrlich: Das juvenile Glück (25) des agilen Intendanten (64) geht Salzburg und den Rest der Welt einen Pferdeäpfelhaufen an, wie er von den Fiakerrössern zielgenau immer just vor der Felsenreitschule abgesetzt wird.

Universum live

Die beste Gelegenheit zum Mosern über das ungleiche Paar wird übrigens jener Festspiel-Ball sein, zu dem Pereira und die Seinen zum Festivalfinale am 1. September erstmals laden. 750 Euro kostet die teuerste Karte mit allem Schnick und Schnack. Womöglich klingt die "Geldscheinsonate" doch ein bissl dissonant, denn es gibt noch genügend Plätze für diesen Karneval der hohen Tiere. Die Kleidervorschrift, (zoo)logisch für einen solchen Anlass: Männer Frack (Pinguine). Frauen lange Robe (Gazellen). Auch Tracht ist erlaubt (flotte Hirschen, eventuell mit Bambi). Universum live also. Hat der ORF eigentlich diese Senderechte?

MICHAEL TSCHIDA

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