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Zuletzt aktualisiert: 22.08.2012 um 20:30 UhrKommentare

Vom Sehen und vom Verlieren bunter Tage

Dem vor 100. Jahren verstorbenen Dichter Ernst Goll wird gebührende Ehre zuteil.

Als Solitär wird er häufig und durchaus zutreffend bezeichnet, aber vom großen poetischen Glanz, den er ausstrahlte, verspürte er selbst in seinem viel zu kurzem Dichterleben nur sehr wenig. Da überwogen die Schattenseiten und ein tragisches Ende. Mit 25 Jahren, am 13. Juli 1912, nahm sich Ernst Goll in Graz das Leben.

Es ist einem anderen Dichter und Spurensucher, Christian Teissl, zu verdanken, dass nun erstmals die Möglichkeit besteht, die enorme Vielseitigkeit und die visionären Kräfte von Ernst Goll in all ihrer Bedeutsamkeit und Tragweite zu erkennen. Christian Teissl zeichnet nicht nur als Herausgeber einer umfassenden Werkausgabe verantwortlich, er fügt dem Buch auch zahlreiche Textfunde hinzu, aufgespürt im Ernst-Goll-Archiv in der Steiermärkischen Landesbibliothek.

Da der eingangs erwähnte Begriff ja nicht nur für einen Brillanten steht, sondern auch ein Einzelgängertum charakterisiert, versucht Christian Teissl in seinem Vorwort eine andere Annäherung an die poetische Hinterlassenschaft von Ernst Goll, der sich fast jeder Zuordnung entzieht. Den einen gilt er als Spätromantiker, den anderen als zeitweiliger Expressionist oder "jugendbewegter Melancholiker".

Für Christian Teissl ist das lyrische Werk Golls vorwiegend geprägt durch "schwermütige Freude an der Leichtigkeit des Seins", geschrieben von einem Dichter, "der davor zurückschreckte, erwachsen zu werden." Als Beleg, wie rasch die Freude der Schwermut und dem Pessimismus weicht, genügt das recht kurze Gedicht "Ich habe einen bunten Tag gesehen". Es beginnt durchaus euphorisch, dann aber vermisst Goll eine Kinderstimme und er endet mit dem Satz: "Ich habe einen bunten Tag verloren."

Mit dem Komponisten Hugo Wolf teilt Ernst Goll nicht nur den Geburtsort, Windischgrätz, sondern auch die Sensibilität und die bittere Erfahrung, mit den jeweiligen Werken vorwiegend auf Unverständnis zu stoßen. Goll stiftete Bleibendes, dieses wichtige Buch liefert den bedeutsamen Beleg dafür. WERNER KRAUSE


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