Tragik eines gefallenen Engels
Salzburger Operntriumph mit Bernd Alois Zimmermanns Mammutwerk "Die Soldaten".
Das Bürgermädchen Marie gefällt. Das Bürgermädchen Marie fällt. Zur Hure gemacht, nicht geworden, wird man sie später als "Soldatenmensch" beschimpfen und verjagen. Auf das gleichnamige Drama von Sturm-und Drang-Dichter Jakob Michael Lenz aufbauend, schildert Bernd Alois Zimmermann in seinem Mammutwerk "Die Soldaten" die Tragik einer Untergeherin in einer dampfenden Menschenvernichtungsmaschine als universelles Drama.
Das Opus aus 1960 des deutschen Komponisten, der zehn Jahre später Selbstmord beging, galt zunächst wegen seiner monumentalen Besetzung - 24 Solisten, 170 Orchestermusiker samt Jazzcombo et cetera - als "unspielbar", zählt aber heute neben Alban Bergs "Lulu" und "Wozzeck" längst zu den wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts. Spektakulär und überzeugend glückte nun in Salzburg die Neuinszenierung, in allen Belangen.
Die Felsenreitschule hat Alvis Hermanis quasi gedoppelt, mit einem Reitstall und sieben echten Pferden, der auch als Lager für die Horde der Soldaten dient. Davor, auf einem schmalen Streifen an der Rampe, führt der 47-jährige lettische Regisseur und Bühnenbildner seine Figurenschar stringent durch Wohnungen oder Vergnügungslokale. Im Zentrum immer eine gläserne Zelle, Schaukasten für die Frauen als Objekt, für Marie als Objekt der Begierde. Der Absturz droht, wie schon eine Seiltänzerin hoch über der Szene mahnt. Erst erstickt Marie im Liebesspiel fast im Heuhaufen, zuletzt zerrt sie sich das Stroh aus dem schwangeren Unterleib - Fristenlösung eines gefallenen Engels.
Das Orchester brüllt, ächzt, schnaubt, zirpt nur mit Gitarre und Harfe: Kongenial zu Hermanis' Umsetzung eines "totalen Theaters", wie Zimmermann es sich für seine collagierte Überwältigungsmusik aus Zwölfton, Jazz oder Marsch oder Kirchenton wünschte, steht Ingo Metzmacher (55) vor den Wiener Philharmonikern. Er ist nicht bloß Masse(n)verwalter, sondern souveräner, hoch konzentriert gestaltender Kapitän eines musikalischen Riesenschiffs.
In den rauschhaften Klangwogen leisten alle Solisten stimm-technisch fast Übermenschliches. Pars pro toto Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als frecher Hauptmann Pirzel. Gabriela Benacková als schwer beeindruckende Gräfin, die Marie nur Gutes will. Und Daniel Brenna als Edelmann Desportes, unedel als Herzausreißer, für den Marie nicht mehr ist als ein Sammelbildchen, wie jene auf die Reitstallfenster projizierten Erotik-Daguerreotypien.
Vor allem imponiert, wie Laura Aikin der Marie stimmlich und darstellerisch Kontur verleiht. Die Sopranistin aus Buffalo/New York bewegt tief als trotzige Naive, die sich den Buhlern im Soldatentrupp fügt - einer Wegwerfgesellschaft, die Frauen erst ihre Macht aufstempeln und bei Widerständigkeit in die Gosse entsorgen. Nicht zufällig also widmete Alvis Hermanis den umjubelten Operntriumph der Salzburger Festspiele der kürzlich verurteilten russischen Punkband "Pussy Riot".














