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Zuletzt aktualisiert: 18.08.2012 um 21:17 UhrKommentare

"In irgendeine Schublade muss man wohl rein"

Schauspieler Ben Becker hat keine Lust mehr auf den Tod. Weder im "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen, noch im richtigen Leben. Der polternde Berliner ist bei den leisen Tönen angelangt.

Foto © APA

Max Reinhardt hat einmal gesagt: "Der wahre Schauspieler ist von der unbändigen Lust getrieben, sich unaufhörlich in andere Menschen zu verwandeln, um in den anderen am Ende sich selbst zu entdecken." Trifft das auf Sie zu?
BEN BECKER: Um den Kollegen Rolf Boysen zu zitieren: Man schlüpft nicht in eine Rolle, das ist ja kein Pyjama, sondern man erarbeitet sich eine Rolle. Natürlich ist es so, dass man sehr bei sich bleibt und bei sich selber sucht, um eine gewisse Wahrhaftigkeit darzustellen. Es gibt Figuren, die einen nicht loslassen oder wund machen.

Zum Beispiel?
BECKER: Natürlich der Tod, hier in Salzburg, beim "Jedermann".

Aber damit hören Sie ja auf.
BECKER: Nach heuer ist Schluss.

Warum?
BECKER: Es gibt eine neue Intendanz und es wird eine Neuinszenierung geben, und es wird niemand von uns übernommen. Ich will's auch nicht mehr. Ich hab's jetzt vier Jahre gemacht - ich bin der nach dem Zweiten Weltkrieg am längsten amtierende Tod bei den Festspielen. Es geht mir nahe, zu meinem Freund Niki Ofczarek zu sagen: Jetzt bist tot. Es ist zwar nur ein Spiel, aber man nimmt das Spiel ja ernst, und dann betrifft es einen und macht was mit einem. Schauspielerei ist ja nicht nur Gaukelei. Das geht ja weiter. Und das tut manchmal weh.

Muss man sich als Schauspieler einen Panzer zulegen?
BECKER: Manchmal ja, man muss sich schützen. Auf der Bühne bin ich aber kein Freund davon.

Sie sind in einer Schauspielerfamilie aufgewachsen. Gab's da schon zum Frühstückskipferl Sonette von Shakespeare?
BECKER: Zum Frühstück nicht, aber nach dem Abendessen schon. Ich bin ja wirklich im Theater aufgewachsen: Ich stand als Vierjähriger auf dem Barhocker in der Theaterkantine und habe beim Flipperautomaten gewartet, bis Mama mit der Probe fertig war. Und als Mama als Oma Fledermaus in den Schnürboden gezogen wurde, habe ich unten geschrien, weil ich es ernst genommen habe. Und Papa, also Otto Sander, hat mir vor dem Einschlafen immer "Moby Dick" vorgelesen. Jeden Abend zwei Kapitel. Da lernst Du natürlich. Zu Weihnachten war bei uns zu Hause immer eine große Tafel, und am Tisch saßen dann wirklich ganz große Schauspieler wie John Cassavetes. Nach dem Essen wurden Bücher rausgeholt, dann wurde vorgelesen oder musiziert. Das hat mich geprägt.

Was haben Sie sich da auf den Unterarm tätowiert?
BECKER: "Open up and bleed. 64" 64 bin ich geboren. "Open up and bleed" ist ein Song von Iggy Pop and the Stooges.

Werfe dich voll ins Leben, auch wenn's weh tut. - Sie waren ein wilder Hund?
BECKER: Ja.

Sehnsucht nach Intensität?
BECKER: Ja. Seiltänzer. Aber ich habe kapiert, dass ich nicht mehr runterfallen will. Wirklich runter bin ich ja nicht, aber so ein bisserl gestrauchelt.

An einer Überdosis Drogen fast gestorben.
BECKER: Ja, ich bin ja vor lauter Dummheit schon einmal von Bord gesprungen, was glücklicherweise nicht geklappt hat. Ich lebe noch. Meine Grenzen auszuloten war für mich immer ein Thema. Und vor allem: sehr weit zu gehen.

Haben Sie zu Hause wenig Grenzen gesetzt bekommen?
BECKER: Zu wenig. Und dann habe ich geguckt, wie weit ich gehen kann, wann man mir auf die Finger haut. Manchmal wünsche ich mir, es wäre anders gewesen. Aber es ist so, also muss ich damit leben und muss versuchen, mir selber Grenzen zu setzen und mich zu fragen: Was will ich? Die Kerze, die an beiden Enden brennt, versuche ich einzudämmen. Ich will mich nicht mehr selbst aufgeben. Durch eine Wand zu rennen, bis Feierabend ist, das mache ich heute nicht mehr.

Die Suppe darf heute also auch lauwarm sein?
BECKER: Mit lauwarmer Suppe habe ich nach wie vor nichts am Hut. Dann schon lieber eine Gurkenkaltschale. Aber ich bin älter, reifer geworden. Und ich habe eine Tochter, ich habe eine Frau, mit der ich seit 13 Jahren zusammen bin. Ich habe ein Pferd, einen Hund, ein Haus an der Ostsee und einen schönen Garten in Berlin. . .

Klingt ja fast spießig.
BECKER: Also ich bin sicher der Letzte, der spießig ist! Aber ich werde das alles nicht aufgeben und mich selbst auch nicht. Außerdem habe ich noch viel zu erzählen. Und ich habe auch eine unbändige Lust darauf.

Welche Geschichten?
BECKER: Jetzt erzähle ich mit meinem Programm "Den See" erst einmal von der weichen Seite des Herrn Becker. Keine Kettensägen mehr auf der Bühne. Sanfte, melancholische Songs über Abschiede, Trauer und Tod. Ich mag Menschen zum Lachen bringen, und ich mag Menschen zum Weinen bringen.

Die dunkle Seite des Mondes ist Ihnen aber näher?
BECKER: Ich spiele unheimlich gern den Clown und muss mich dabei auch nicht verstellen, aber ich bin auch ein sehr wunder Mensch. Ich habe viele Seitenhiebe abbekommen, die ich auch verarbeiten muss und will. In eineinhalb Jahren bin ich 50, da wird man nachdenklicher.

Stört es Sie heute, wenn Sie als Rabauke und Polterer in die Ecke gestellt werden?
BECKER: Ja, aber das habe ich mir teilweise auch selbst zu verdanken. Ich wollte verstören. Aber wie ernst mir die Kunst ist - das ist dabei untergegangen. Ich war auf einmal im falschen Film. Jetzt gelte ich übrigens als großer Melancholiker. In irgendeine Schublade muss man offenbar rein. Aber sollen sie mich reinschieben, wo sie wollen, ich mache, was ich will.

"Die Schauspieler sind der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters", lässt Shakespeare "Hamlet" sagen. Ist es nicht belastend, wenn man als Schauspieler den Geist der Zeit, der nicht selten ein Un-Geist ist, widerspiegeln muss?
BECKER: Manchmal schon. Wenn man so polarisiert wie ich, kann es belastend sein. Die Power des Dauerfeuers ertrage ich immer weniger. Am Ende der Festspielzeit wird es mir auch zu viel, wenn Passanten zu mir sagen: "Schau', der Tod!" Manchmal konter' ich, "Zu Ihnen komm' ich auch noch", aber manchmal kann ich es nicht mehr hören. Andererseits ist es schön, dass die Österreicher ihre Schauspieler so lieben. Die Österreicher schätzen ihre Kunst und sind stolz darauf. Die Deutschen sind stolz, wenn sie U-Boote verkaufen. Ich habe Österreich für mich entdeckt. So schnell werdet Ihr mich nicht mehr los.

Europa ächzt unter der Wirtschaftskrise, merken Sie bei Film und Theater auch, dass der Gürtel enger geschnallt wird?
BECKER: Aber absolut! Die Finanzierung für gute Projekte kommt gar nicht zustande, weil das Geld nur für massenkompatible Kassenschlager herausgerückt wird. Es ist eng. Auch bei den Salzburger Festspielen ist das zu spüren. Es heißt, dass der Garderobier und der Maskenbildner eine halbe Stunde nach Vorstellung aus dem Haus sein müssen, weil keine Überstunden mehr bezahlt werden können. Und im Haus für Mozart haben sie eine Dusche eingebaut, da drückst du drauf, dann kommt 30 Sekunden Wasser raus und das war's dann.

Sind Sie ein toller Vater?
BECKER: Nö! Also, doch. Natürlich! Für meine Tochter schon. Ich sehne mich immer nach zu Hause, und wenn ich daheim bin, sehne ich mich danach, den Koffer zu packen. Mich kann man nicht an eine Heizung ketten. Das tut oft weh, Lilith auch, meiner Frau auch. Aber ich kann nicht aus meiner Haut. Meine Tochter und ich haben ein sehr inniges Verhältnis. Ich hänge tierisch an ihr. Wer uns gemeinsam sieht, sagt: "Ihr seid schön zusammen".

Was haben Sie ihr denn vor dem Einschlafen vorgelesen?
BECKER: "Moby Dick", was sonst?

INTERVIEW: MANUELA SWOBODA

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