Joseph, der Verweigerer
Patrick Roths "Sunrise" steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2012. Alles andere wäre verwunderlich. Ein wirklich großes Buch.
Sunrise" ist ein Abschnitt von Patrick Roths Buch "Die Nacht der Zeitlosen" (2001) überschrieben. "Die Frau, die den Dieb erschoss" heißt die einzige Erzählung dieses Abschnitts. Darin rettet die Titelheldin, eine "Frau ohne Ehrfurcht", ihr Kind, indem sie es "IHM" verweigert. In Roths neuem Roman "Sunrise. Das Buch Joseph", sagt der Untertitelheld ebenfalls "Nein" zu einem Opfer. Wie Abraham Isaak soll IHM Joseph Jesus auf den Altar legen.
Nicht nur, weil er schon einmal einen Sohn (ebenfalls Jesus mit Namen) verloren hat, verweigert sich der Zimmermann dem im Traum erhaltenen Befehl. Und büßt es mit einer Nachtfahrt sondergleichen. Joseph wird mit Taubheit und Blindheit geschlagen, er fällt unter die Räuber, kann schließlich in Jerusalem den Kreuzestod des nicht Geopferten nicht verhindern.
Patrick Roth hat in seinem außerordentlichen Werk immer wieder biblische Themen behandelt, auf Motive und Bilder aus einer der großen Menschheitserzählungen zurückgegriffen. "Riverside. Christusnovelle" , "Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten" und "Corpus Christi" sind die Bände einer zwischen 1991 und 1996 publizierten "Christus-Trilogie" mit dem gemeinsamem Titel "Resurrection" ("Auferstehung"). Eigenwillige Variationen archetypischer Geschichten. Das Neue Testament und Plots wie aus Hollywoodfilmen sind in diesen Texten keine Gegensätze (Roth lebte viele Jahre in Los Angeles).
Auch "Sunrise" ist ein Buch, das gewissermaßen laufend Breiwandbilder produziert. Traumbilder, ungeheuerlich und von oftmals ungeheurem Sog. Hergestellt werden diese Bilder indes mit einer Sprache, welche altbiblische Diktion weniger imitiert denn neu erfindet. Es braucht einige Zeit, um sich einzulesen, dann freilich kommt man nicht mehr los. Was anfänglich manieriert wirkt, entfaltet sich zu einem auf vielen Ebenen so packenden wie originellen Sprachkunstwerk. Die Reflexion von Philosophisch-Theologischem und die Dynamik eines historischen Abenteuerromans, ja, einer handfesten Räuberpistole verbinden sich auf einzigartig selbstverständliche Weise.
Nicht zuletzt ist Roth ein Buch gelungen, das eine den menschenverachtende religiöse Praxis des Opfers infrage stellt. Der Gott, der Joseph "prüft", ist keine sympathische Macht. Und leider immer noch keine unaktuelle.















