"Wild im Herzen, klar im Kopf"
Innere und äußere Odyssee: Zwischen Istanbul, dem Salzkammergut und Wien angesiedelt ist der neue Roman von Barbara Frischmuth. Zentrales Thema: die Suche nach Lebensglück.
Woher wir kommen", das verrät Barbara Frischmuth in ihrem gleichnamigen neuen Roman. Nämlich aus einer Serie von schmerzhaften Verlusten, die unser Leben geprägt hat. Das gilt jedenfalls für die Künstlerin Ada, ihre Mutter Martha und ihre Tante Lilofee. Die drei starken Frauen haben mit übermenschlichem Willen wieder in ihre Leben zurückgefunden, die sich auf vielfältige Weise zwischen Istanbul, Wien und dem Salzkammergut entwickelt haben. Dort, nämlich in Altaussee, wo Frischmuth geboren wurde und wo sie seit einigen Jahren wieder lebt, stellt die Autorin am Donnerstag ihr Buch vor.
Doch Männer sind in "Woher wir kommen" nicht nur Leerstellen in Frauenleben: Jonas, ein ehemaliger Schulfreund Adas, taucht unvermittelt in seinem Heimatort wieder auf. Der USA-Heimkehrer ist alleinerziehender Vater dreier Kinder. Was mit seiner Frau Karen, die "ein Problem" hat und deswegen in St. Louis bleiben musste, wirklich passiert ist, wird Ada erst spät herausfinden. Da ist ihr das eigenwillige, anstrengende, doch liebenswerte Trio Jenny, Walker und Jeremy längst ans Herz gewachsen und aus der Wiederbegegnung jene heftige Affäre geworden, deren Anbahnung der Leser schon auf den ersten Seiten vermutet.
Man gönnt Jonas und Ada ihr Liebesglück, mit jeder Seite Lektüre mehr. Denn "Woher wir kommen" wirkt wie eine belletristische Untermauerung von Viktor Frankls vielzitierter Grundbotschaft "Trotzdem Ja zum Leben sagen": Es sind verlustreiche, von Tod, Schmerz und Abschied geprägte Biografien, von denen Barbara Frischmuth erzählt.
Geheime Liebschaft
Alle haben sie große Lieben oder wichtige Lebenspartner verloren: Ada ihren Freund Seppi, der sie als Künstlerin förderte und inspirierte und mit dem sie auch nach seinem Tod immer wieder in Dialog tritt. Marthas Mann wird seit einem Ausflug im Ararat-Gebirge vermisst, ebenso wie der ihn begleitende kurdische Freund Vedat. Mit dessen Witwe Lale trifft sich Martha regelmäßig zu gemeinsamer Trauerarbeit und erfährt von ihrer Freundin nach 20 Jahren ein bis dahin streng gehütetes Geheimnis.
Und auch die schöne, vor ein paar Jahren verstorbene Tante Lilofee, hatte als Mädchen, als das steirische Salzkammergut zur letzten Nazi-Bastion wurde, mit einem geflohenen osteuropäischen Kriegsgefangenen eine geheime Liebschaft, die furchtbar endete.
Zu den Sprüngen zwischen den Biografien und den Zeiten fügt die Autorin noch eine kommentierende Ebene hinzu - Dialoge, wie sie im von Martha geführten Restaurant "Seehaus" oder in anderen Lokalen von der Dorfbevölkerung geführt werden, Dorftratsch, der Beobachtungen, Erinnerungen und Einschätzungen vermischt, Ressentiments erkennen lässt.
Wer trotzdem Ja zu einem selbstbestimmten, sinnerfüllten Leben sagen möchte, muss Widerstände überwinden. Barbara Frischmuth vermeidet ein eindeutiges Happy End, aber sie hält Glück für möglich. Trotz allem. "Schon allein die Hoffnung würde sie wild im Herzen und klar im Kopf halten", heißt es in diesem herausragenden, weitsichtigen Werk.















