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Zuletzt aktualisiert: 13.08.2012 um 22:00 UhrKommentare

Kärntner Karma

Die Autorin Friederun Pleterski über die besonderen Eigenheiten ihres Heimatlandes Kärnten. Ein historischer Streifzug.

Kopfüber im Klagenfurter Strandbad: "Die Kärntner sind Outdoor-Menschen"

Foto © KLZ/Elisabeth PeutzKopfüber im Klagenfurter Strandbad: "Die Kärntner sind Outdoor-Menschen"

Der Kärntner denkt sich seinen Teil und lässt die anderen reden". (frei nach Grillparzer, König Ottokars Glück und Ende)

Im Jahr 1849, als Kaiser Franz Joseph das Jagdprivileg des Hochadels aufhob, und jedermann der 220 Joch (115 Hektar) Land besaß, um eine Eigenjagd ansuchen durfte, nahmen wohlhabende Bauern und Bürger die Chance wahr, es auch nach dem letzten Trieb dem Adel nach zumachen. Seither sind Jagdpartien, bis zu jenen von und mit Tilo Berlin, Ereignisse, auf denen Pfründen, Privilegien und Geld verteilt werden.

Die Kärntner sind Outdoor-Menschen. 1835 eröffneten die Kärntner in Maria Loretto das erste öffentliche Schwimmbad. Sportarten wie Reiten, Tennis und Schifahren fanden ab 1880 ihre Anhänger. Das Radrennen von Oberdrauburg nach Unterdrauburg (heute: Dravograd) war das Highlight der Sportsaison 1897.

Mit Kultur hatten und haben die Kärntner weniger am Hut. Eine Lesung oder Vernissage bei der mehr als fünfzig Personen anwesend sind, gilt schon als Großveranstaltung. Als Paul Gulda zu Pfingsten auf der prächtigen Burg Hochosterwitz gastierte, konnte auch er nicht mehr als fünfzig zahlende Gäste begeistern, die meisten Zuhörer die sich einfanden, waren alte Tanten aus der gräflichen Familie.

Im Jahre 1849 wurde Laibach durch die Bahn mit Wien verbunden. 1850 wurde Klagenfurt auf Drängen der Kärntner Abgeordneten in Wien zur Kärntner Hauptstadt ernannt, es hatte immer noch keine Bahnverbindung mit Wien, die kam erst 1863 über Marburg zustande. Die offensichtliche Bevorzugung der Wirtschaftsachse Graz-Marburg-Laibach-Triest brachte das Kärntner Bürgertum spätestens in dieser Zeit dazu Sympathien für Deutschland zu entwickeln.

Der Wunsch der Kärntner nach Einheit wurde 1849 im Landtag im bekannten Wunsch "Kärnten frei und ungeteilt" formuliert. Damals sprach noch ein Drittel der Bevölkerung einen der slowenischen Dialekte, es handelte sich vor allem um die im Süden des Landes heimische kleinbäuerliche Landbevölkerung. Klerikale, slowenische und bürgerliche, deutsche Schulvereine konkurrierten um die Alphabetisierung der Landkinder.

Der Brain-Drain ist weniger ein spezifisches Kärntner, denn ein Provinz-Schicksal, in Kärnten seit dem 16. Jahrhundert zahlenmäßig dokumentiert. Damals wanderten die klügsten Burschen zur Erweiterung ihres geistigen Horizonts freiwillig nach Deutschland aus, viele kehrten zurück um den neuen Glauben im Lande überall zu festigen. Zwei Generationen später wurden alle Evangelischen zum Auswandern gezwungen. Bis 1630 hatten Tausende das Land verlassen, und es waren nicht die Dümmsten, die gingen. Zurück blieben die diplomatischen, die "Geheimprotestanten".

"Der Kärntner freut sich meist im Stillen" titelte die schwarze "Kärntner Zeitung" im Oktober 1933 nachdem außer einem Häuflein mit dem Bus angekarrter, schwarzer Lesachtaler (die bis heute eine besondere Stellung in der schwarzen Landestradition einnehmen,) nur wenige am Neuen Platz erschienen waren um Engelbert Dollfuß zu begrüßen. Daraus zu schließen, das am 4. April 1938, als Adolf Hitler Klagenfurt einen Besuch abstattete, die Massen gekommen wären ist aber nicht richtig. Auch an diesem Tag waren nicht so viele da, wie gewünscht. Arthur Lemisch notierte in seinem Tagebuch: "Der halbe Neue Platz war leer, was sich, vom Rathaus aus gesehen ungünstig auswirkte."

Der Kärntner interessiert sich vor allem für sich selber. Auch deshalb nicht für die Ex-Buberlpartie. Haider wusste genau, wie wichtig es ist, jedem Wähler die Hand zu geben, in die Augen zu schauen. In der weiten Kärntner Landschaft will der Mensch Körperwärme. Das hat früher einmal die höchste Zahl unehelicher Geburten der Monarchie ergeben. Und heute? "In zweihundert Jahren" so stand es kürzlich in der Zeitung "ist Kärnten ausgestorben." Trotz Ganztagsschule, Nachmittagsbetreuung und Gratiskindergarten. Die Kärntnerinnen bekommen keine Kinder mehr.

Kärnten ist das ideale Land für glückliche Rentner! "Auslandskärntner" kehren in der Jugend des Alters in die alte Heimat zurück. Sie schwingen sich aufs elektromotorunterstützte Fahrrad und treten über die Glocknerstraße, ein verklärtes Lächeln im Gesicht, weil Kärnten so schön ist.

Am Wörthersee-Ufer soll es schon zehn Millionäre geben, die hier sogar überwintern wollen. Doch die meisten Pensionisten brauchen wenig Geld für viel Glück. Im Sommer gehen sie zum Schwammerlsuchen in den Wald und im Herbst bevölkern sie die Almen zum Preiselbeerpflücken. "Downshifting" ist der neueste, internationale Begriff für eine Lebensart, die in Kärnten schon lange heimisch ist. "Entschleunigung" nennt sich das Kärntner Phlegma. Hysterie kennt der Kärntner nicht. Sie geht ihm schlicht und einfach auf den Wecker.

FRIEDERUN PLETERSKI

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Foto © KK/Privat

Bild vergrößernAutorin Friederun Pleterski Foto © KK/Privat

Zur Person

Friederun Pleterski, geboren 1948 als Enkelin des früheren Kärntner Landeshauptmannes Arthur Lemisch, ist Journalistin und Sachbuchautorin.

Zuletzt erschien von ihr "Heimwärts reisen", Verlag Styria Regional, 24,99 Euro.

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