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Zuletzt aktualisiert: 10.08.2012 um 21:35 UhrKommentare

Österreicher werden zu Norddeutschen

Österreichs Variante der deutschen Sprache geht verloren: Nachdem "Denglisch" wie "Handy" oder "Wellness" bereits Flurschaden anrichtete, setzt sich nun auch noch das Norddeutsche durch. Experten sehen Medien als Ursachen, wenn ein Österreicher redet, als käme er aus Bremen. Von Thomas Golser.

Die Sprache ist manchmal ein Hund...

Foto © javier brosch - Fotolia.comDie Sprache ist manchmal ein Hund...

Es ist nicht zu leugnen - auch wenn es die Muttersprache ist: Deutsche Sprache, schwere Sprache. Allerdings auch eine zunehmend billig verkaufte Sprache, ist zu ergänzen: Bestellte man sich einst noch den "Kaffee zum Mitnehmen", muss es heute ein "Latte to go" sein. "Handy" und "Wellness" werden noch immer (und mehr denn je) für tatsächliches Englisch gehalten. Auch wenn diese Wörter in Großbritannien für ratlose Gesichter und hoch gezogene Augenbrauen sorgen werden. "Denglisch", weder Deutsch noch Englisch, nicht Fisch und nicht Fleisch, setzte sich längst im täglichen Leben durch: Man muss sich zum Beweis nur Werbeschaltungen von diversen Mobilfunkbetreibern "reinziehen". Hart an der Grenze zur Verblödung und natürlich im Pseudeo-Englisch gehalten - kurzum: Allzu oft ist es unlimitierter Breitband-Nonsens, sprachlich gesehen.

Deutscher als Bayern

"Reinziehen" - genau damit sind wir schon bei der nächsten Gefahrenquelle für das fesche Österreichisch angekommen: Der emeritierte Germanistik-Professor Peter Wiesinger nahm sich in einer aktuellen Studie des Themas Sprachformen an und fand Erstaunliches heraus: Österreich wird - wenigstens was die Sprache anbelangt - langsam zu Norddeutschland und ist irgendwann möglicherweise noch deutscher als Bayern. Aus hochdeutsch synchronisierten Filmen, Büchern und Magazinen und dem Internet werden beinahe untertänig Wörter übernommen, die in Österreich eher befremdlich wirk(t)en. Man biedert sich ungeniert an und schluckt Vorgekautes bedenkenlos: "Sprache bedeutet eben auch immer Identität", merkt der Sprachexperte dazu an. Das Unterrichtsministerium halte dieses Beharren auf einer eigenen österreichischen Sprache im vereinten Europa für "nationalistisch", schimpft er über die Geisteshaltung auf höchster Ebene.

Von der unerschrockenen Sprachpolizei zur Alarmfahndung ausgeschrieben wurden beispielsweise: "Treppe" (ersetzt zunehmend die "Stiege") und "Kasse" (statt "Kassa"). Auslaufware ist mittlerweile der "Paradeiser" - er wurde zur gemeinen "Tomate" verarbeitet. Der "Erdapfel" ist eigentlich schönstes Österreichisch, er muss heute oft der "Kartoffel" Platz machen. "Sahne" kommt einem heute des öfteren statt "Schlagobers" auf die Torte, "Quark" statt "Topfen" in die Palatschinken. So ein Topfen! "Eine Eins" verdrängte mancherorts schon "den Einser": Den dürfte es für Teile von Österreichs Schülern im Deutsch-Unterricht aber ohnehin nicht mehr geben. "Gerade Jugendliche orientieren sich am Englischen und Hochdeutschen", so Wiesinger. Dass sich viele nur noch im SMS-Stil und in Twitter-Dimensionen auszudrücken wissen, darf irritieren, musste aber wohl so kommen. Dafür sind heute die Daumen und Zeigefinger bestens für den "Touch-Screen" (der lässt sich aber nun wirklich schwer übersetzen!) trainiert.

Sackerl und Marille

Bislang noch recht resistent gegen norddeutsche Unterwanderung zeigt sich laut Wiesinger das "Sackerl" (reimt sich auch besser auf "Gackerl" als die "Tüte"). Auch "Marille" schmeckt den Österreichern bis jetzt noch besser als "Aprikose". Parallel zum EU-Beitritt ließ Österreich 1995 ja seine Sprache noch symbolisch als eigenes "Kulturgut" vormerken: 23 Wörter aus dem Bereich der Lebensmittel waren es, die für typisches Österreichisch standen. Doch es half wenig - und in Bundesländern wie Tirol nisteten sich dann auch noch deutsche und holländische Touristen ein und sorgten für eine zusätzliche Sprach-Durchmischung: Der "g'spritzte Apfelsaft (auf einen Holb'n)" rinnt unsere Kehlen zwar noch besser hinunter als die "Apfelschorle" - allerdings findet sich eben diese schon längst in Schihütten auf dem Hintertuxer Gletscher in der Speisekarte.

Die Europäische Union konnte also hier für die Österreicher nicht viel tun. Dafür jammert man über genormt gekrümmte Gurken und einen Pleitestaat nach dem anderen.

Servus und habe d'Ehre! Und ein beherztes "Pfiatgott" für jedes "Tschüssili".

THOMAS GOLSER

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