Moderatorinnen im Ganzkörperschleier
In Ägypten ist der erzkonservative Sender Maria TV gestartet, bei dem ausschließlich Frauen arbeiten, die bis auf einen Sehschlitz für die Augen voll verschleiert sind. Der "Niqab" war bisher in den ägyptischen Meden quasi nie zu sehen.

Foto © APA
Seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan gibt es in Ägypten einen neuen Fernsehsender: Bei Maria TV arbeiten vor und hinter der Kamera ausschließlich Frauen, die bis auf einen Sehschlitz für die Augen voll verschleiert sind. Bis zum Sturz des langjährigen Machthabers Hosni Mubarak vor eineinhalb Jahren und dem darauf folgenden Aufstieg der Islamisten wäre das im größten Land der arabischen Welt undenkbar gewesen.
Im Studio von Maria TV, das nach einer der Ehefrauen des Propheten Mohammed benannt ist, sitzen zwei Moderatorinnen, die einen schwarzen Ganzkörperschleier tragen. Er lässt nur einen schmalen Spalt für die Augen offen. Sogar ihre Hände haben sie mit Handschuhen verhüllt. Bisher waren im ägyptischen Fernsehen praktisch nie Frauen zu sehen, die den sogenannten Niqab tragen - in den beliebten TV-Serien treten die Schauspielerinnen sogar oft betont sexy auf.
Maria TV verkauft sich selbst nicht als rein religiöses Programm, sondern vor allem als Sender für Frauen. Es gibt Berichte über Politik, Kindersendungen, Näh-Tipps und Sendungen über Beziehungsprobleme. "Wir bieten alles, was eine Frau braucht", sagte Chef-Moderatorin Abeer Shaheer. Das wichtigste Ziel des Senders sei, "der Gesellschaft zu beweisen, dass es Frauen mit Niqab gibt, die eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielen und erfolgreich sein wollen, die Ärztin, Ingenieurin oder eben eine anerkannte Journalistin werden".
"Wir wurden jahrzehntelang unterdrückt"
In Ägypten tragen die meisten Frauen ein Kopftuch. Gesichtsschleier waren bisher eher die Ausnahme. Doch mittlerweile gehören sie sogar in der liberalen Hauptstadt Kairo zum Straßenbild. In Medien und Gesellschaft haben verschleierte Frauen bisher jedoch gar keine Rolle gespielt. "Wir wurden jahrzehntelang unterdrückt", sagt Shaheer. Verschleierte Frauen hätten bestimmte Orte gar nicht betreten dürfen und seien etwa an der Universität oder bei Behörden diskriminiert worden. "Nur weil wir uns aus freiem Willen dafür entschieden haben, etwas zu tragen, das wir für islamisch halten", klagt die Moderatorin.
Manche Fernsehzuschauer haben nach dem Start von Maria TV kritisiert, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie weder das Gesicht noch die Körpersprache der Moderatorinnen sehen können, wie Shaheer einräumt. "Wir antworten ihnen: 'Wenn man sich etwas im Fernsehen ansieht, kommt es auf den Inhalt an, nicht auf das Aussehen der Moderatorin'".
"Die menschliche Kommunikation funktioniert über die Augen", fügt Iman Fahmy hinzu. Die diplomierte Betriebswirtin arbeitet ebenfalls bei Maria TV. Ihr schwarzer Schleier ist mit zarter Spitze verziert. "Unter dem Niqab spielt das Aussehen einer Frau keine Rolle", sagt die 28-Jährige. Viel wichtiger seien die übermittelten Botschaften und Gefühle. Der neue Sender solle den Zuschauerinnenn dabei helfen, "auf dem rechten Weg zu bleiben" - und muslimische Frauen und Mädchen dazu bringen, sich zu verschleiern.
Viele Ägypter fürchten, dass der Sender eine weitere Etappe bei der schleichenden Islamisierung von Staat und Gesellschaft in ihrem Land ist: Die Muslimbrüder, die unter Mubarak jahrzehntelang verboten waren, stellen mittlerweile die Mehrheit im Parlament und mit Mohammed Mursi auch den Präsidenten. Andere verteidigen Maria TV als Musterbeispiel für das Recht auf freie Meinungsäußerung, für das im Arabischen Frühling auch die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz gekämpft haben.
"In den amtlichen Medien waren verschleierte Frauen jahrelang vom Bildschirm verbannt und duften nur hinter der Kamera arbeiten", sagt Mosn Hassan, die das Frauenforschungszentrum Nasra leitet und selbst keinen Schleier trägt. Trotzdem findet sie es wichtig, dass es die Menschen in Ägypten das Recht haben, Sender wie Maria TV zu gründen, "und zu sagen, was sie wollen".
Features
Foto

Bild vergrößernDrei Mitarbeiterinnen von "Maria TV" beim Aufzeichnen einer KindersendungFoto © APA















