Ägypten: Voll verschleiertes Maria TV
Ein ägyptischer TV-Sender arbeitet nur mit Frauen im Niqab. Maria TV gehört zu einem religiösen Sender, der von ultrafrommen Salafisten in Kairo betrieben wird. Von Martin Gehlen.

Foto © APAKamera läuft: Moderatorinnen im Niqab
Das einzige offene Gesicht im Studio ist ein lebensgroßer Puppenkopf, der bei politischer Satire zum Einsatz kommen soll. Alle anderen sind verhüllt - mit körperlangen, schwarzen Nonnenroben. Handschuhe verdecken den letzten Zipfel Haut, durch den schmalen Schlitz des Niqab lugen einzig die Augenpaare. Ob vor oder hinter der Kamera, hier arbeiten nur Frauen im Islamisten-Volldress. Zu Beginn des Ramadans war Premiere, seitdem strahlt Maria TV sechs Stunden täglich am Himmel über Ägypten. Benannt ist das fromme Satellitenprogramme nach einer koptisch-christlichen Sklavin, die vom Propheten Mohammed freigelassen und seine Konkubine wurde.
"Wir wollen die Diskriminierung bekämpfen", sagt Safaa Refai, Programmchefin und Koranlehrerin. Über die Herkunft der Finanzmittel schweigt sie sich aus, die meisten der streng-religiösen Kanäle allerdings werden von Saudis gesponsert. Unter Hosni Mubarak war der Niqab im Fernsehen strikt verboten. Voll verschleierte Frauen durften nicht an Universitäten dozieren oder in Behörden arbeiten. Und nun also ein Sender von Niqab-Trägerinnen für Niqab-Trägerinnen. "Das zeigt, wie stark sich Ägypten seit der Revolution verändert hat", frohlockt Refai.
Gründervater ist Ahmed Abdallah. "Frauen brauchen nicht ihre Schönheit zu enthüllen, um von der Welt gesehen zu werden", dozierte der Salafistenprediger. Er gründete 2006 Ummah TV, einen Missionskanal, bei dem nur bärtige Männer das Sagen hatten. Mehrfach nahm Mubaraks Staatssicherheit das Studio auseinander. Doch seit dem Sturz Mubaraks fühlen sich er und seine Mitstreiter im Aufwind.
Am Land lassen sie selbst ernannte Moralpolizisten patrouillieren, an Stränden Flugblätter gegen Musik verteilen, und im Kabinett haben sie ihr Auge auf das Ministerium für Erziehung geworfen. Im Parlament stellten Salafisten und Muslimbrüder fast eine Dreiviertel-Mehrheit. Monatelang debattierten sie mit gottgewisser Hingabe ihre Gesetzespläne, die das Heiratsalter für Mädchen auf zwölf Jahre absenken und das Verbot weiblicher Genitalverstümmelung annullieren wollten. Nur die Auflösung der Volksvertretung durch das Verfassungsgericht verhinderte, dass das liberale Scheidungs- und Sorgerecht aus der Mubarak-Zeit bereits zurückgedreht wurde.
"Wir bieten alles, was eine Frau braucht", wirbt Moderatorin Abeer Shahin. "Das erste Jahr der Ehe" heißt ihr Beratungssendung. "Wenn dein Mann abends müde nach Hause kommt und dich keines Blickes würdigt, selbst wenn du das ganze Haus mit brennenden Kerzen geschmückt hast, sei nicht verärgert", rät sie dem Publikum. Andere Serien beschäftigen sich mit Untreue in der Ehe, Kindererziehung, Nähen und islamischer Politik. "Verschleierte Frauen sind erfolgreich, das wollen wir der Gesellschaft zeigen", sagt Abeer Shahin. Weibliche Gäste im Studio haben nach ihren Worten keine Wahl. Entweder sie stülpen einen geliehenen Vollschleier über oder ihr Gesicht wird verpixelt.















