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Zuletzt aktualisiert: 31.07.2012 um 19:12 UhrKommentare

Tönende Klage über das Gefühlsdefizit

Als Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen hat am Mittwoch Giacomo Puccinis Oper "La bohème" Premiere. Anna Netrebko sichert als Mimi dem Ereignis - auch im ORF - den Starglanz.

Anna Netrebko und Pjotr Becala als Mimi und Rodolfo

Foto © ORF/Ali Schafler Anna Netrebko und Pjotr Becala als Mimi und Rodolfo

Giacomo Puccini spielte bei den Salzburger Festspielen nie eine große Rolle. Neben den musikalischen "Hausgöttern" Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Strauss blieb für den unter Kitschverdacht stehenden Komponisten aus Lucca kaum ein Platz. Nur Herbert von Karajan hatte 1989 eine Übernahme seiner "Tosca"-Produktion von seinen Salzburger Osterfestspielen angeordnet. Weil der Maestrissimo kurz vor Festspielbeginn starb, stand Georges Prêtre am Pult, der seit seiner Einspielung mit Maria Callas aus dem Jahr 1964 (EMI) einen legendären Ruf als "Tosca"-Dirigent besaß.

Bannstrahl

Gérard Mortier, der nach Karajans Tod die Salzburger Festspiele reformierte, verhängte einen generellen Bannstrahl gegen Giacomo Puccini. Erst 2002 gab es die zweite Salzburger Produktion einer Puccini-Oper: Die von David Pountney inszenierte "Turandot" ging nicht als Sternstunde in die Festspiel-Annalen ein.

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1. Akt: Rodolfo, Marcello und Colline, drei arme Künstler, sitzen am Weihnachtsabend frierend in einer Pariser Mansarde. Der Musiker Schaunard hat Geld verdient, mit dem die Bohèmiens losziehen. Der Dichter Rodolfo bleibt und lernt die Näherin Mimi kennen, mit der er den Freunden folgt.

2. Akt: Im Café Momus begegnen die Bohèmiens Marcellos früherer Geliebter Musetta, die ihren reichen Verehrer Alcindoro abserviert, ihm die gesamte Rechnung überlässt und zum Maler Marcello zurückkehrt.

3. Akt: Einige Wochen später erzählt Mimi Marcello, dass Rodolfo sie verlassen habe. Seinem Freund gesteht er den Grund: Mimi ist krank und er hofft, dass sie einen Verehrer findet, der ihr einen Arzt zahlen kann. Mimi und Rodolfo finden wieder zusammen, Musetta und Marcello streiten.

4. Akt: Einige Monate später erinnern sich Rodolfo und Marcello in der Mansarde an ihre Freundinnen. Musetta kommt mit Mimi, die kurz darauf stirbt.

Jetzt folgt also als erst dritte Puccini-Oper "La bohème". Nach Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" und Georges Bizets "Carmen" gehört sie zu den weltweit meistgespielten Opern. Neo-Intendant Alexander Pereira, der weiß, wie man Massen anlockt, hat alle drei auf das Programm seines ersten Salzburger Festspielsommers gesetzt.

Um dem Ereignis den nötigen Starglanz zu sichern, hat er mit Anna Netrebko die populärste Opernsängerin unserer Tage engagiert. Die Näherin Mimi zählt seit Jahren zu den Glanzpartien der sich allmählich aus dem Koloraturfach in lyrische Gefilde verabschiedenden Glamour-Diva. Die russisch-österreichische Sopranistin hat die Mimi schon in München, New York, Wien und Kopenhagen gesungen, unter Bertrand de Billy auf CD aufgenommen und mit Robert Dornhelm verfilmt. Und weil sie sich ihrer Sache vollkommen sicher sein kann, wagt sie sich auch in die Höhle des Löwen und gastiert heuer im Oktober als Mimi an der Mailänder Scala, deren Publikum bei italienischen Opern besonders kritisch ist. 2013 darf dann das Publikum der Lyric Opera in Chicago die Taschentücher zücken, wenn Anna Netrebko als Mimi ihrem Lungenleiden zum Opfer fallen wird.

Mimis Liebhaber Rodolfo verkörpert der Tenor Piotr Beczala, der weltweit Rolando Villazón als "Traumpartner" an der Seite von Anna Netrebko abgelöst hat. Und mit Daniele Gatti steht jener Italiener am Pult der Wiener Philharmoniker, dem Pereira in seinen letzten Jahren als Chef der Zürcher Oper die Funktion des Chefdirigenten anvertraut hatte.

An ihm und natürlich an Regisseur Damiano Michieletto wird es liegen, ob das Publikum im Großen Festspielhaus und vor den TV-Schirmen bei Mimis Tod die Taschentücher zückt - und wie das Urteil über Giacomo Puccinis 1896 in Turin uraufgeführte Oper ausfällt.

Wertezerfall

Hat der englische Komponist Benjamin Britten recht, der erklärte, ihm werde "ganz übel von der Billigkeit und Leere dieser Musik"? Oder doch der deutsche Dichter Heinrich Mann, der in der Oper "La bohème" keinerlei Sentimentalität ausmachte: "In einer Welt des unaufhaltsamen Wertezerfalls versuchte Puccini nicht, den Triumph des Gefühls über eine immer unmenschlicher werdende Welt zu besingen, sondern unser Gefühlsdefizit als Hauptverlust in diesem Wertezerfall zu beklagen".

ERNST NAREDI-RAINER

Infos

"La bohème" von Giacomo Puccini.

Aufführungen bei den Salzburger Festspielen: 1., 4., 7., 10., 13., 15. und 18. August.

Ausverkauft.

Dirigent: Daniele Gatti.

Regie: Damiano Michieletto.

Mimi: Anna Netrebko.

Rodolfo: Piotr Beczala.

Musetta: Nino Machaidze.

Marcello: Massimo Cavalletti.

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