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Zuletzt aktualisiert: 31.07.2012 um 20:30 UhrKommentare

Ein Rocker als König des Nichts

Mit einem dreieinhalb Stunden kurzen, und dennoch zu langem "Peer Gynt" debütiert Irina Brook als Regisseurin in Salzburg. Erkenntnis- und Unterhaltungswert sind in Balance.Von Frido Hütter.

Foto © APA

Sogenannte "unspielbare" Texte haben es Regisseuren besonders angetan. "Peer Gynt", 1867 von Henrik Ibsen als dramatisches Gedicht verfasst, ist so einer. Bühneninszenierungen sonder Zahl und 13 Filmversionen davon gibt es. Die Aufführungsdauer ist nach oben offen: Claus Peymann genehmigte sich am Burgtheater 1994 satte fünfeinhalb Stunden dafür.

Der Inhalt kürzest gefasst: Peer Gynt, Sohn eines Säufers und einer verzärtelnden Mutter ist ein notorisches Großmaul und ein Lügner. Er will eine "Jemand" sein, einer, dessen Ruf wie Donnerhall schallt, einer der Spuren hinterlässt. Doch nichts, außer dem Wunsch selbst, legitimiert ihn dazu. Heute wäre er wohl ein sogenannter It-Boy, eine männliche Version von Paris Hilton & Co. Peer bringt es in Marokko zu kurzfristigem Reichtum, verliert alles, landet in einer Kairoer Nervenklinik und kehrt alt und verarmt in seine Heimat Norwegen zurück.

Luftschlösser

Irina Brook, Tochter des legendären Peter Brook hat den Stoff im Auftrag der Salzburger Festspiele bearbeitet und inszeniert. Hilfreich standen ihr dabei US-Kultstar Sam Shepard und Punk-Ikone Iggy Pop zur Seite: Ersterer destillierte aus den Texten Ibsens zwölf neue Gedichte, die zumeist als Songs daherkommen. Iggy Pop steuerte zwei Lieder bei.

Das Ensemble ist, wie bei den Brooks so der Brauch, bunt gemischt. Die 19 Akteure stammen aus elf Nationen. Bühnensprache ist Englisch, die projizierte Übersetzung teils ärgerlich schlampig. Aber die Wortdeutlichkeit der Schauspieler ermöglichte es jedem halbwegs Sprachkundigen, auch ohne sie auszukommen.

Wie schon weiland Claus Peymann setzt Irina Brook auf die Kraft des Humors, der Groteske, um die Tragödie dieses Narzisses (ziemlich toll: Ingvar E. Sigurdsson) fassbar zu machen. Er ist ein fabulöser Bauherr von Luftschlössern, ein Jäger des Ungewissen, ein, wie er am Ende selbst erkennt, "König des Nichts".

Bühnenbildnerin Noelle Gineferi hat die Industriehallenaura der Pernerinsel weitgehend roh belassen. Ein paar unerhebliche Requisiten müssen reichen. Dafür gibt es reichlich und illustrativ eingesetzte Musik.

Denn dieser Peer Gynt macht als Rockstar in Amerika Karriere und Geld. Bandname: "PG & The Trolls". Den Song "I'm The Dude" gibt Sigurdsson mit nacktem Oberkörper, eine offenkundige Hommage an dessen Schreiber Iggy Pop. Und statt später im Irrenhaus landet Peer Gynt hier bei einem Guru, dessen Anhänger gestisch zwischen Sanyasin und Shaolin oszillieren.

Selbst & Ich

Das Ende gemahnt an "Jedermann": Vom Tod mit Abholung bedroht, findet Jederpeer Rettung in den Armen Solveigs (Shantala Shivalingappa), die ihm über all die Jahre seiner Abwesenheit in selbstloser Liebe verbunden geblieben war.

So weit, so Kitsch, so Ibsen. Aber natürlich ist die Suche nach dem Selbst, nach dem Ich, die möglicherweise gar nicht identisch sein mögen eine große und zeitlose Menschheitsfrage. Dass Irina Brook nicht noch radikaler gestrafft hat, dass ihr Rocker Peer durch etliche Längen tapern muss, schwächen den dreieinhalb Stunden langen Abend. Dennoch gab es heftigen Applaus.

FRIDO HÜTTER

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