Böses Blut
Blut, Schweiß und Tränen: Pop-Queen Madonna zog bei ihrem Wien-Konzert alle Register - und den Revolver. Kein großes Konzert, doch eine fantastische Revue.
Sie hätte es sich so einfach machen können. Ein Konzert mit schmissigen Hits, tollen Tanzeinlagen und bunten Videoeinspielungen - und die Fans hätten glücklich "Holiday" summend heimgehen können. Den schleppenden Vorverkauf aufgrund horrender Ticketpreise hätte man sich wohl auch erspart.
Doch einfach, das war nie Madonnas Ding. So setzt sie mit ihrer "MDNA"-Tour zum Großteil auf Songs ihres aktuellen, viel verrissenen Albums. Freilich aufgepeppt mit nicht weniger als der aufwendigsten Tourproduktion, die die Welt jemals gesehen hat.
Nach Aufwärmübungen zu aktueller Hitparadenware, serviert vom französischen Star-DJ und "MDNA"-Coproduzent Martin Solveig (im September beim Lake Festival in Unterpremstätten) dürfen die Gelenke gleich wieder rasten und rosten: Eine gute Stunde lässt die Diva ihre knapp 30.000 Fans warten. Und lange grübeln, was wohl mit den von der Bühnendecke baumelnden Seilen und dem riesigen Weihrauchgefäß passieren wird.
"Oh my God"
Knapp nach 22 Uhr ist es so weit, Madonna ist bereit, ihre Messe abzuhalten. Nach einem Eröffnungs-Choral des baskischen Trios Kalakan stürmt sie mit den Worten "Oh my God" aus ihrem Bühnen-Beichtstuhl. Es beginnt gewalt(tät)ig: Szenen wie aus einem wüsten Tarantino-Trashfilm spielen sich ab, Blut ergießt sich in zehn Meter hohen Spritzern über die Videoleinwand, eine Leiche hängt von der Decke (aha, die Seile!). Neue Songs wie "Girl Gone Wild" gehen nahtlos in "Papa don't preach" und "Hung up" über, älteres Material wird gnadenlos an- oder umgedeutet.
Es ist kein großartiges Konzert, aber eine überwältigende zweistündige Pop-Revue, die neue Maßstäbe setzt: Mit Tanz- und sogar Slackline-Einlagen statt Stimmakrobatik, einer spektakulären visuellen Inszenierung, die über die Musik gestellt wird.
In vier Teilen führt die Storyline von Madonnas Höllen- und Himmelfahrt sie aus dem Sündenpfuhl über die "Prophezeiung" im knallbunten Fünfziger-Stil zu einem ihrer großen Themen: Sex. Höhepunkt von Teil drei ("Maskulin/Feminin") ist aber nicht der gekonnte Strip zu "Human Nature", sondern das bis aufs Gerippe zerlegte "Like a Virgin", mit düsterer Stimme und Klavierbegleitung vorgetragen. Ein intimer Moment Konzert inmitten all der rastlosen Show.
Auch im letzten Part gönnt Madonna den Fans gerade einmal einen Klassiker in vier Songs: "Like A Prayer" lässt anklingen, wie viel Spaß ein Hit-Panorama machen hätte können. So gefeiert wurde der abrupt endende Abschlusssong "Celebration" jedenfalls nicht. Die "Zugaben"-Rufe blieben hoffentlich nur vor lauter Staunen aus.
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