Die heile Welt hat einen doppelten Boden
Nikolaus Harnoncourt lüftet bei den Salzburger Festspielen die Geheimnisse von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Die Zauberflöte".
Artig machte er unmittelbar vor Beginn noch den Konzertmeistern im Orchestergraben seine Aufwartung und streichelte bedeutungsschwer die auf dem Pult liegende Partitur, ehe er sich auf seinen Platz in der 10. Reihe begab. "Die Zauberflöte" von Wolfgang Amadeus Mozart hatte Alexander Pereira als erste Neuproduktion seiner Intendanz ausgewählt und erstmals saß bei einer großen Mozart-Premiere der Salzburger Festspiele ein Originalklangensemble im Graben. Unter Nikolaus Harnoncourt schlug der Concentus Musicus Wien ungewöhnte Töne an: Nicht weich und feierlich tönten die drei Einleitungsakkorde, sondern scharf und dank der kurz angerissenen Sechzehntel geradezu explosiv.
Sarastro herrscht über keine heile Welt, stellte Nikolaus Harnoncourt von Anfang an klar.
Magische Klangwelt
Zum vierten Mal hat der überragende Mozart-Interpret "Die Zauberflöte" einstudiert, erstmals greift er dabei auf historische Instrumente zurück. Mit ihnen verdeutlicht er die ganz neue, magische Klangwelt, die Mozart mit der Kombination von Bassetthörnern, Fagott und Hörnern zur Charakterisierung der Welt der Eingeweihten erfunden hat. Mit ihnen spürt er auch noch bohrender die Widersprüche zwischen dem salbungsvollen Text und der Musik auf, legt die Doppelbödigkeit des Werks bloß.
Konsequenter als je zuvor vertraut er ausschließlich auf das Faksimile der Partitur, nennt deshalb Monostatos nach Mozarts Handschrift Manostatos, und setzt seine immer wieder der landläufigen Aufführungspraxis widersprechenden Erkenntnisse kompromissloser denn je um. Weil Mozart für den Finalchor des ersten Aufzugs das schnellste Tempo des gesamten Werks verlangt (Presto alla breve) und Harnoncourt seinen Willen erfüllt, wirkt dessen Erhabenheit reichlich fragwürdig. Und weil er Paminas g-Moll-Arie so schnell nimmt wie die ebenfalls als Andante im 6/8-Takt notierte "Rosen-Arie" der Susanna in "Figaros Hochzeit", verströmt sie nicht nur Traurigkeit, sondern vor allem auch jenen Zorn, den die harten Dissonanzen und Tonartwechsel ausdrücken.
Schlanke Stimmen
Wie schon 2007 in Zürich singt Julia Kleiter mit glockigem Sopran eine berückend klangschöne Pamina. Bernard Richter vereint als Tamino mit seinem hellen Tenor Sensibilität und heldische Töne. Georg Zeppenfeld verzichtet als Sarastro auf salbungsvolles Pathos, Mandy Friedrich lädt die sicher gemeisterten Koloraturen der Königin der Nacht mit Ausdruck auf. Markus Werba ist ein routinierter, kerniger Papageno, der mit einem Ape-Kleintransporter auf die Bühne düst. Mathis Neidhart hat sie, die Arkaden der Felsenreitschule aufgreifend und vervielfältigend, als verwirrendes, mobiles Labyrinth gestaltet.
Hier holen die drei Damen der Königin der Nacht die Schlange, vor der sich Tamino fürchtet, als Requisit aus ihrem Gepäck, hier schlagen sie Papageno alle Zähne aus. Hier herrscht Sarastro über eine Forschertruppe, die ihren eigenen Nachwuchs ausbildet und ziemlich skrupellos mit Menschen experimentiert.
Jens-Daniel Herzog stellt in seiner das Spielerische betonenden, an originellen Einfällen reichen, sich aber doch nicht schlüssig rundenden Inszenierung den Sieg der Liebe dar. Während sich Sarastro und die Königin der Nacht um den siebenfachen Sonnenkreis als Instrument der Macht prügeln, nimmt Tamino in an sich und entzückt mit dem blinkenden Requisit die Kinder von Papageno und Papagena.














